„Das ganze Austauschjahr war ein bunter Moment.“

Interview mit Gastfamilie Hanf und Mohammad aus dem Libanon über ihr gemeinsames Jahr als internationale Familie

YFU: Was hat Sie dazu bewegt, einen Gastschüler aufzunehmen bzw. warum hast du dich für ein Austauschjahr in Deutschland entschieden?
Andy und Sonja Hanf: Wir haben zufällig vom YFU-Gastfamilienprogramm erfahren und waren eigentlich schon nach kurzer Bedenkzeit davon überzeugt, dass die Aufnahme eines Gastschülers eine interessante Erfahrung für uns sein könnte. Natürlich hatten wir auch Bedenken, ob das Zusammenleben auf so lange Zeit mit einem fremden Menschen unter dem gemeinsamen Dach ohne größere Probleme funktionieren würde. Auch war es spannend, ob die unterschiedlichen Kulturen zusammen funktionieren würden. Wie sich später herausstellte, waren die Bedenken grundlos. Die „Chemie“ zwischen Mohammad und uns stimmte vom ersten Tag an.

Mohammad: In einem Austauschjahr lernt man sehr viel und man trifft viele andere interessante Kulturen. Aber das Wichtigste ist, man lernt mehr über sich selbst. Mein Ziel war es, mich weiterzuentwickeln, die Sprache zu lernen, das Ansehen von arabischen Leuten zu verbessern, und gleichzeitig meinem Land zu helfen, indem es von meinen Fähigkeiten profitiert, die ich von anderen Kulturen erworben habe. Und Gott sei Dank habe ich dies alles erreicht. Ich habe mir natürlich auch Sorgen gemacht und hatte auch ein wenig Angst, z.B. wie die Leute mich akzeptieren werden als ein Fremder von einer anderen Kultur, der plötzlich zwischen ihnen sitzt (Schule, Gastfamilie, Gesellschaft… usw.). Ich bin ein Abenteurer. Ich wollte das einfach machen und es war ein Anreiz. Man sagt: ”Wenn es einen Willen gibt, gibt es auch einen Weg." Man muss manchmal auch etwas Angst haben sonst wäre es nicht normal.

YFU: Was sind deiner Meinung nach die größten Unterschiede zwischen deinem Leben im Libanon und in Deutschland, lieber Mohammad?
Mohammad: Man kann Deutschland und den Libanon nicht miteinander vergleichen, das sind zwei völlig verschiedene Länder. Vielleicht kann ich aber ein paar Sachen vergleichen, z.B. die Schule in Deutschland ist anderes als im Libanon. Das System in Deutschland ist zu leicht. Man muss im Libanon eine Schuluniform anziehen, es gibt auch Unterrichtsfächer, die ich in Deutschland nicht gefunden habe. Im Libanon gibt es z.B. ziviler Unterricht und die Schule ist nicht kostenlos.

YFU: Was waren die größten Herausforderungen für Sie als Gastfamilie und für dich als Austauschschüler in Deutschland?
Andy und Sonja Hanf: Die größte Herausforderung war die Gewöhnung an eine dritte Person im Haus, was uns aber nach wenigen Tagen sehr gut gelungen ist. Ferner haben wir einen sehr eifersüchtigen Hund, der Mohammad die ersten Wochen so gar nicht als neues Familienmitglied akzeptieren wollte. Da Mohammad sich davon aber nicht irritieren ließ und sich als hervorragender Hundeflüsterer entpuppte, waren die beiden nach einem Monat die besten Freunde.

Mohammad: Es gab bestimmt viele Herausforderungen: Wie kann ich vertraut sein mit der Gastfamilie, der Schule, mit neuen Freunden? Ich bin mit diesen Herausforderungen umgegangen, indem ich einfach nett, ehrlich und aufgeschlossen zu den Leuten war.

YFU: Gibt es bestimmte Momente oder Erlebnisse, auf die Sie und du nun besonders gern zurückblicken?
Mohammad: Das ganze Austauschjahr war ein bunter Moment. Es war ganz voll mit lustigen Sachen und Momenten. Es gab einen Moment, den ich nie vergessen werde. Ich bin mit meiner Gastfamilie in den Urlaub gefahren, im Mietwagen, einem ganz alten VW Bus. Auf einmal fährt der nicht mehr weiter und geht auch nicht mehr an. Wir dachten, dass der Motor kaputt ist. Aber es stellte sich später heraus, dass wir kein Benzin mehr hatten und die Benzinanzeige kaputt war (lacht). 

Andy und Sonja Hanf: Wir blicken besonders gern auf die zahlreichen Kurzurlaube mit Mohammad zurück. Es hat uns großen Spaß gemacht, Mohammad die unterschiedlichen Regionen Deutschlands näher zu bringen. Besonders eindrücklich bleibt der Besuch der Gedenkstätte Buchenwald in Erinnerung, aber auch eine wilde Schlittenfahrt in Berchtesgaden und eine Tour nach Berlin!

YFU: Was war das lustigste Erlebnis als internationale Familie?
Andy und Sonja Hanf: Wir waren mit Mohammad an Halloween verkleidet in der Disco und hatten den ganzen Abend sehr viel Spaß, besonders, weil wir Masken trugen und somit niemand sah, dass wir den Altersdurchschnitt mal eben locker um 25 Jahre erhöht hatten (lachen).

YFU: Was nehmen Sie und du aus dem letzten Jahr mit?
Mohammad: Ich habe viele Sachen aus dem Jahr mitgenommen oder besser gesagt erworben. Ich habe nun die deutsche Sprache gelernt, ich habe gelernt, meine Probleme besser zu lösen, ich denke mehr nach als sonst und bedenke öfter die Konsequenzen. Ich bin ruhiger geworden, wirtschaftlicher und ich habe viele Sachen über mich selbst entdeckt. Der Austausch hat meine Zukunft verändert, ich habe jetzt neue Hobbies, meine angeborenen Fähigkeiten weiterentwickelt und ich habe meinen Traumjob gefunden. Man kann das einfach nicht darstellen, es gibt nicht genug Wörter um zu erklären, wie schön das Austauschjahr war. Dafür bin ich dankbar - YFU, allen Menschen, denen ich während des Austauschjahres begegnet bin und dem Goethe-Institut in Beirut, das meinen Aufenthalt durch ein Stipendium überhaupt erst möglich gemacht hat.
 

Andy und Sonja Hanf: Wir haben vom Jahr mit Mohammad sehr profitiert. Man bekommt auf viele Dinge einen ganz neuen Blick und hinterfragt sich zu vielen Themen auch mal selbst. Besonders etwas mehr Gelassenheit haben wir angenommen. Rundum war es eine bereichernde Erfahrung, die wir keinesfalls missen möchten.

YFU: Haben Sie Tipps für zukünftige Gastfamilien?
Andy und Sonja Hanf: Lassen Sie sich auf das Austauschjahr völlig unvoreingenommen und offen ein. Wenn man an den Austauschschüler keine höheren Ansprüche stellt, als man an das eigene Kind stellen würde, wird es sicher ein gutes Jahr.

 

Gemeinsam im Fußballstadion

Mohammad mit dem (Gast-) Hund

Gemeinsamer Urlaub an der Nordsee

Gastmutter und Gastsohn

Verkleidet an Halloween

Austauschschüler Mohammad

Gemeinsamer Ausflug

Besuch in Köln