Suparada im Würstchenland

Familie Sörgel mit Suparada aus Thailand

Suparada (Supi) ist vor neun Monaten zu uns gekommen. Sie ist mittlerweile 19 Jahre alt und seit etwa vier Monaten gefällt es ihr richtig gut hier. Die Anfangszeit war nicht leicht: Die deutsche und die thailändische Kultur unterscheiden sich doch erheblich. Es gibt zahlreiche Beispiele aus dem Alltag.

Ansehen oder nicht ansehen?

Wird es in Deutschland beispielsweise als unhöflich angesehen, wenn man den Gesprächspartner bei der Unterhaltung nicht ansieht, bedeutet es in Thailand genau das Gegenteil: Sieht man den Gesprächspartner direkt an, bedeutet das, dieser hat etwas falsch gemacht und man möchte nun mit ihm einen Streit darüber vom Zaun brechen.

In den ersten vier Monaten gab es viele solcher Missverständnisse. Aber mit der Zeit wurden wir alle offener und lernten dazu. Ganz besonders glücklich und dankbar sind wir, dass Supi uns jetzt immer fragt, wenn sie glaubt zu merken, dass sie „etwas falsch gemacht" hat. Dann können wir immer berichtigen, denn meistens sind das Situationen, in denen wir einfach mal müde am Frühstückstisch sitzen oder von der Arbeit geschlaucht sind und nicht so viel reden wie sonst.

„Du nervst, Papa/Mama!

Supi ist in den vergangenen Monaten weit über sich hinaus gewachsen. Sie ist eine typisch deutsche Jugendliche, liebt Pizza und Spaghetti Bolognese, geht gern mit ihren Freundinnen shoppen und Eis essen, und knallt uns auch schon mal ein „Du nervst, Papa/Mama!" hin.

Und über jedes dieser „du nervst" freuen wir uns riesig! Denn eine solche Aussage gegenüber den thailändischen Eltern wäre schlichtweg undenkbar. Der Respekt gegenüber den Eltern wird ständig bezeugt, für flapsige Bemerkungen oder gar Witze ist dort nur wenig Spielraum.

Der höchste Respektträger in Thailand ist der König, auf der zweiten Stufe stehen die Eltern, dann kommen andere Respektträger wie Lehrer, generell Erwachsene, und erst ganz zum Schluss die Kinder.

„Kind" ist man übrigens bis zur Zeit an der Uni. Und Kind sein bedeutet einerseits den absoluten Schutz der Eltern zu genießen, immer einen „sicheren Hafen" zu haben, aber gleichzeitig auch, keine eigenen Entscheidungen treffen zu dürfen – und können.

Supi liebt Shopping!

Auch Supi fielen eigene Entscheidungen am Anfang sehr schwer. Sie wusste gar nicht, ob ihr ein T-Shirt gefällt oder nicht. Sie musste darüber bis dato schlichtweg nicht nachdenken und sich nicht für oder gegen eines entscheiden. Neue Erfahrungen für alle von uns.

Heute liebt Supi Shopping und kommt jedes Mal mit mindestens einer Tüte voll Sachen wieder heim! Sie sagt deutlich, was sie essen mag und was nicht, träumt von MP3-Playern und Converse-Schuhen! Ebay hat sie als das Online-Shopping-Paradies entdeckt – und dort gibt es Converse meist viel billiger als im Laden um die Ecke.

Bratwürste, Schlittschuh laufen und Ostereier
Wir haben auch viel unternommen: Wir waren eine Woche in Berlin, wo sich Supi in den Berliner Dom verliebt hat, haben Weihnachtsplätzchen gebacken, waren in Strassbourg und Nürnberg beim Weihnachtsmarkt, mitten im Schnee, wo wir reihenweise Bratwürste verschlungen haben.

Wir haben Supis 19. Geburtstag gefeiert, waren in Colmar die (kleine Ausgabe der) Freiheitsstatue besichtigen und Schlittschuhlaufen – was Supi heiß und innig liebt!

Wir machen oft Spaziergänge im Wald, haben einen Schneemann gebaut, mit Nachbarskindern gespielt, Sushi selbst gemacht, Ostereier gefärbt ... Und Supi malt wunderschöne Bilder, z. B. von ihren Gasteltern oder auch in der Schule, wo sie ein großes Bild zum Thema „Deutschland und Thailand" gemalt hat!

Eine der intensivsten Erfahrungen war sicher der Herbst. Noch nie habe ich die Ankunft des Herbstes so bewusst erlebt – und das verdanke ich dem Staunen unserer Austauschtochter.

Nicht an den Abschied denken

Im Moment wollen wir gar nicht an einen Abschied von Supi denken. Das Leben zusammen ist so normal geworden und wir fühlen uns „vollzählig". In drei Monaten wird sich alles wieder ändern und „unsere" Supi wird wieder zurück nach Thailand gehen.

Wir sind sehr dankbar, dass wir Supi kennen lernen und mit ihr ein Jahr verbringen durften. Wir werden nie vergessen, wie sie mit uns ihren ersten Kuchen gebacken hat, das erste Mal auf Kufen stand, ihren ersten Schultag, ihre erste Grippe, ihren ersten Herbst, ihren innerlichen Kampf am Anfang und ihre Liebe für Land und Leute heute.

Für uns alle ist und bleibt dieses Austauschjahr etwas ganz Besonderes!

Supi mit ihren Gastgroßeltern

Supi an ihrem ersten Schultag in Deutschland

Familie Sörgel mit Supi auf dem Segelboot

Suparada liebt die deutschen Bratwürste

Supi mit ihrer Gastmutter zu Weihnachten