Ein Jahr fast am Polarkreis

Erfahrungsbericht von Rebekka, Austauschjahr in Schweden

Der Sommer ist eine wunderschöne Jahreszeit und doch sehr kurzweilig im Norden Schwedens. Der Winter zieht sich lange bis in den deutschen Frühling hin, hat aber seinen ganz eigenen Charme, wenn der Schnee früh morgens im Lichte der Sonne glitzert.
Ein Jahr im Land der Elche, der Mitternachtssonne, der dunklen Wintertagen, der roten Schwedenhäuser und vielem mehr... dort sollte ich mein Austauschjahr verbringen.

 

Vorbereitung, Reise, Ankunft

Als ich im Juni den Brief von meiner Gastfamilie erhielt, war ich überglücklich und total gespannt, wo ich wohl im kommenden Schuljahr wohnen würde. Nachdem ich den Ort - Boden – las, wusste ich erst mal gar nichts damit anzufangen. Zum Glück gibt es das Internet, was mir verriet, dass mein Wohnort ganz im Norden Schwedens nur knappe 100 km vom Polarkreis entfernt liegt. Ich war erst einmal total überrascht, weil ich nicht damit gerechnet hatte so weit in den Norden zu kommen aber dann war die Freude riesengroß. Ein Jahr einfach mal etwas ganz anderes erleben, die dunklen Tage im Winter und die helle Tage, wenn die Sonne nicht mehr untergeht, im Sommer. Meine Vorfreude, das kennenzulernen war riesig! Dazu kam, dass ich in einem kleinen Dorf von gerade einmal 25 Einwohnern wohnen sollte. „Wenn das mal nicht spannend werden würde..." dachte ich.

 

Im August war es dann so weit und ich flog nach Stockholm. Dort hatten wir ein 3-tägiges Orientierungsseminar mit Austauschschülern aus der ganzen Welt und danach ging's mit dem Flugzeug noch weiter in den Norden, nach Luleå. Die Aufregung im Flugzeug war kaum auszuhalten aber als mich meine Gasteltern am Flughafen abholten und sie mich in die Arme schlossen, ging's mir schon gleich viel besser. Das erste was wir machten war auf dem Weg nach Hause einkaufen zu gehen.  Meine Gasteltern wollten mir die schwedischen Namen für Obst und Gemüse beibringen und nebenbei lernte ich von meiner kleinen 7-jährigen Gastnichte, die auch dabei war, ein sehr wichtiges Wort: „jättegott" Das bedeutet so viel wie „sehr lecker" und mein schwedischer Wortschatz, der am Anfang fast bei null war, hatte sich gleich um ein Wort erweitert.

 

Mein neues Zuhause

Um mein zu Hause zu beschreiben muss man sich einfach nur in eines von Astrid Lindgrens Bücher hineinversetzen.  Mein zu Hause für ein Jahr war ein rotes Schwedenholzhaus, mitten in der Natur, direkt am See. Die einzigen Nachbarn, die wir hatten, waren ab und zu ein paar Elche und meine Gastschwester mit ihren beiden Kindern. Meine Gasteltern waren beide fast 60 und hatten drei erwachsene Kinder, von denen die älteste Tochter im Nachbarhaus wohnte. Ihre beiden Kinder waren meine besten Spielkameraden in diesem Jahr und ich hatte echt viel Spaß mit ihnen. Außerdem habe ich durch sie Schwedisch sehr schnell gelernt, weil sie mich so lange damit vollgeredet hatten bis ich es irgendwie verstanden habe. Die Sorgen, die ich mir am Anfang wegen der Sprache gemacht hatte, waren bald vorbei und nach 6 Wochen lief dann bei mir fast alles auf Schwedisch.

 

Schule und Freizeit

Schon zwei Tage nach meiner Ankunft bei meiner Gastfamilie ging die Schule los und dort bin ich wirklich ein Jahr lang gerne hingegangen. Das Gymnasium dauert in Schweden drei Jahre lang und jeder sucht sich ein Programm aus, auf welches er gehen möchte. Ich war in der ersten Klasse des gesellschaftwissenschaftlichen Programms. Die Klasse war zwar anfangs etwas schüchtern aber bald hatten sie mich herzlich als ganz normale Mitschülerin aufgenommen. Das Verhältnis zwischen Lehrer und Schüler ist in Schweden viel lockerer. Man duzt die Lehrer und nennt sie beim Vornamen. Am Anfang war es schon komisch die Lehrer einfach mit Mats oder Eva anzusprechen, aber schon bald war das ganz normal.
Gleich am ersten Schultag ist mir dann etwas für mich am Anfang echt Komisches und am Ende ganz Normales aufgefallen. In der Schule gibt es jeden Tag kostenloses Mittagessen und das schon zwischen 11 und 11.30 Uhr und dazu trinken alle Milch! Schmeckt gar nicht so schlecht, wie ich anfangs dachte...
In meiner Freizeit habe ich viel zusammen mit meiner Gastfamilie gemacht. Im Herbst waren wir im Wald Beeren sammeln, im Winter saßen wir oft gemütlich zusammen im Wohnzimmer und haben Fernsehen geschaut,  im Frühling waren wir Langlaufen und im Sommer bis spät in den Abend draußen. Die Schweden, soweit ich es beurteilen kann, sind in ihrer Freizeit echt gerne draußen in der Natur und das lohnt sich auch! Unter der Woche bin ich montags in den Chor gegangen und jeden zweiten Donnerstag haben sich meine Gastmamma, meine Gastschwester und noch 6 andere Frauen immer zum „slöjd" getroffen. Ich weiß gar nicht ob es dafür eine deutsche Übersetzung gibt, aber jeder hat irgendeine Handarbeit gemacht. Ich war auch meistens dabei und habe meine eigenen warmen Wollhandschuhe gestrickt, die ich dann auch echt gut gebrauchen konnte. Bei -33 Grad ist man froh, wenn die Hände durch meistens nicht nur ein Paar warme Handschuhe geschützt sind.
An den Wochenenden war ich außerdem mit meiner Gastfamilie ein paarmal auf Volktanzfestivals und habe meiner Gastmamma, die Tanzlehrerin ist, beim Kindertanzkurs geholfen.

 

Wenn Schweden feiern...

... wird es total gemütlich, es wird viel gegessen, man trifft sich mit der ganzen Familie und hat viel Spaß. Weihnachten zusammen mit meiner Gastfamilie war echt ein tolles Fest. Die ganze Wohnung war geschmückt, überall brannten Kerzen und draußen war es so weiß wie in „winter wonderland". Am 24. Dezember vormittags waren wir in der Kirche und danach ist der jultomte, der Weihnachtsmann, nach Hause gekommen und hat die Geschenke verteilt.  Zwischendurch hat man gegessen, und das nicht wenig, und um 15 Uhr schauten alle, wirklich klein und groß, Kalle Anka, das ist Donald Duck, im Fernsehen. Meine Gastgeschwister konnten den Text schon auswendig aber das gehört einfach jedes Weihnachten dazu.
Noch in der Adventszeit am 13. Dezember war Lucia, das Lichterfest. Bis spät in den Morgen hinein ist es da noch dunkel und morgens in der Schule gibt es ein Mädchen, das ein weißes Gewand an und brennende Kerzen auf dem Kopf hat, um den Menschen das Licht zu bringen.  Der Chor der Schule singt schöne Lucia- und Weihnachtslieder und danach trifft man sich in der Klasse um pepparkakor, Pfefferkuchen, zu essen und glögg, sowas wie Punsch, zu trinken.
Ein Fest, das im schwedischen Kalender nicht fehlen darf,  ist „midsommar". Mittsommer findet immer am Wochenende, welches am nächsten zum 21. Juni ist, statt und es wird  der längste Tag des Jahres gefeiert. Bei mir in Nordschweden ist es im Juni wirklich gar nicht mehr dunkel geworden und wenn man noch bis zum Polarkreis fährt, kann man sogar die Sonne um Mitternacht sehen. Am Mittsommertag trifft man sich oft mit Verwandten und Freunden und feiert zusammen. Auf einem großen öffentlichen Platz in der Stadt gab es eine Mittsommerfeier für alle die wollten. Zuerst wurde die Mittsommerstange, man kann es mit dem deutschen Maibaum vergleichen, aufgestellt und danach wurde, wie aus der Ikea-Werbung bekannt, darum getanzt. Ich glaube, wenn man das als Außenstehender betrachtet, muss es ziemlich komisch aussehen, aber dort tanzen alle mit, klein und groß, jung und alt, und es macht einen Heidenspaß. Einige Personen haben am Mittsommertag eine schwedische traditionelle Volkstracht an und ich durfte eine von meiner Gastfamilie ausleihen.

 

Abschied nehmen

Ende Juni war mein Austauschjahr dann auch schon wieder zu Ende und ich habe mich gefragt, wo die Zeit denn eigentlich hingerannt ist. In diesem Jahr habe ich so viele tolle, neue Dinge erlebt, ich habe eine zweite Familie gefunden, die mich wie ihr eigenes Kind aufgenommen hat und ich habe ein Land mit all seiner Kultur und Sprache kennengelernt. Wenn mich jetzt jemand fragen würde, ob ich nochmal gehen wollte, würde ich sofort mit einem dicken „JA" antworten.

 

Rebekka und ihr Gastbruder bei der Mittsommerfeier in traditioneller schwedischer Tracht.

Mit der Gastfamilie beim Skiausflug

Mitternachtssonne am 22. Juni