Geliebtes, rätselhaftes Russland

Erfahrungsbericht von Pascal, Austauschjahr in Russland

„Nach Russland?!" an dem Tonfall vieler Bekannter und Freunde, denen ich von meinen Plänen, für ein Jahr lang in Russland leben zu wollen, erzählte, erkannte ich, dass ihnen ein Austauschjahr im größten Land der Welt ungefähr so attraktiv erschien wie die Stadtmitte von Castrop-Rauxel. Doch davon ließ ich mich nicht abbringen, und voller Optimismus trat ich meine Reise Ende August dann endlich an.

Von nun an sollte ich also für zehn Monate in der russischen Provinz, genauer gesagt in Safonovo leben. Safonovo? Dieser Name sagte niemandem etwas, und auch die Angabe, dass es in der Smolensker Region liege, half absolut gar nicht. Erst die Information, „300 km westlich von Moskau" (also für russische Verhältnisse ja absolut in der Nähe), konnte etwas mehr Klarheit geben, wobei die Frage im Raum stand, ob „westlich" jetzt vor oder hinter Moskau bedeutet.

 

Gefühlte siebenunddreißig Zischlaute

Meine Euphorie, die allen Negativreaktionen getrotzt hatte, verließ mich jedoch schon in den ersten Tagen in Russland. Alles erschien mir so fremd, und niemand um mich herum vertraut. Und dann sprachen auf einmal auch noch alle Leute diese seltsame Sprache mit gefühlten siebenunddreißig Zischlauten: Russisch!

Aber nach vielen anfänglichen Problemen und Anpassungsschwierigkeiten hatte ich mich spätestens drei Monate nach meiner Ankunft so richtig eingelebt und fühlte mich pudelwohl in meiner neuen Heimat. Ich wunderte mich nicht mehr über unasphaltierte Straßen, Plumpsklos in der Schule, das Nichtvorhandensein von Ampeln in meiner Stadt mit mehr als 50.000 Einwohnern...Mit der Akzeptanz dieser alltäglichen Randerscheinungen konnte nun die nächste Herausforderung auf mich zukommen: Der Russische Winter!

 

Land der Extreme

Dieser brachte mir 5 Monate lang den Schnee, den ich in meiner Heimatstadt Kerpen im milden Nordrhein-Westfalen immer vermisse. Der Winter bescherte mir neben dem obligatorischen Ski- und Schlittschuhlaufen auch die Teilnahme an einer höchst merkwürdigen russischen Tradition, dem Eisbaden am 19. Januar bei -15°C (gefühlten -69°C). Medizinisch wahrscheinlich höchst streitbar, doch sagt man, dieses Bad im kühlen Nass sei gut für die Gesundheit...

Vom Winter bleibt mir vor allem aber ein Lagerfeuerpicknick mit Freunden im Gedächtnis, zu dem wir uns bei 26°C entschlossen, was an und für sich eine angenehme Temperatur ist, allerdings weniger, wenn es sich um 26°C unter dem Gefrierpunkt handelt...Umso schöner ist nach solchen Ausflügen dafür aber dann ein Besuch der russischen Banja, wo man sich bei schönen 100 Grad die Kälte ausschwitzen kann, um sich kurz danach zur Abkühlung im Schnee zu wälzen...Tja, die Russen lieben die Extreme und das Paradoxe, und vielleicht lieben sie gerade deshalb ihr Land so sehr.

 

„Leben wie ein Gast in Russland"

Über die Russische Kultur gerate ich schnell ins Schwärmen, und neben der unverschämt leckeren russischen Küche mit u.A. Pelmeni und Borschtsch haben mich vor allem die Großzügigkeit und die (sprichwörtliche russische) Gastfreundschaft sehr beeindruckt. Wenn man z.B. nach „Tee" gefragt wird, sollte man darauf vorbereitet sein, dass man alles Essbare, was sich im Hause (oder in Russland auch eher in der Wohnung) befindet, aufgetischt bekommt. Selbst Dank dafür erwarten die Russen nicht, in der Regel hört man ein bescheidenes „nein wofür denn"...Das deutsche Sprichwort „Leben wie Gott in Frankreich" könnte man problemlos in „Leben wie ein Gast in Russland" umbenennen.

Jeder Russe hat mindestens drei Brüder, und das nicht nur, weil auch Cousins und Cousinen als Geschwister angesehen werden, sondern auch enge Freunde zählen als solche. Unter diesen engen Freunden (bzw. „Brüdern") wird das (manchmal wenige), was man hat, bedingungslos geteilt, und wer gerade Geld dabei hat, der bezahlt halt für alle. Ein guter Freund von mir wollte mir selbst dann immer noch einen ausgeben, als gerade sein Haus abgebrannt war und er mit seiner Familie vor dem Nichts stand...

 

Unvergleichbare russische Partystimmung

Natürlich ist das Leben in Russland nicht immer ganz leicht und unbeschwert, aber ungeachtet dessen können die Russen natürlich auch hervorragend feiern. Der tollen Stimmung einer russischen Party kann sich einfach niemand entziehen. Es wird getanzt und gesungen – und das ohne Rücksicht auf schräge Töne. Das Beeindruckendste an russischen Feiern war für mich aber immer, wie man es schafft, auf einem Quadratmeter Tisch nicht weniger als 27 Schüsseln und dazu noch Getränke und Brot (das bei keinem Essen fehlen darf) aufzutischen.

Nicht weniger faszinierend ist aber auch, wie die Fahrer der Marschrutki (ein typisch russisches Verkehrsmittel in Form eines Kleinbusses für 15 Personen) es schaffen, gleichzeitig das Geld zu wechseln, anzuhalten, durchs Fenster mit einem anderen Fahrer zu reden und die nächste Haltestelle anzusagen.

 

Geliebtes, rätselhaftes Russland

Russland bleibt mir nicht nur aufgrund dieser Alltagsphänomene auch nach einem Jahr immer noch ein wenig rätselhaft. Aber trotz oder gerade deswegen habe ich mich in dieses Land verliebt. Schon nach zwei Wochen wieder zurück in Deutschland blicke ich zwar sehr gerne, aber auch schon fast mit einer gewissen Portion Wehmut auf eine fantastische Zeit in Russland zurück, und bin mir sicher, dass es genau die richtige Entscheidung war, den Schritt in dieses mir zunächst so fremd erscheinende Land zu wagen.

Ich würde mich freuen, wenn sich in Zukunft mehr Menschen für ein Austauschjahr in Russland entscheiden würden. Es ist ohne Frage eine mutige Entscheidung, doch Mut wird ja bekanntlich belohnt.

Gemeinsam mit Austauschschülern aus Finnland und Estland

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