Mitternachtssonne und ewige Dunkelheit

Erfahrungsbericht von Felicitas, Austauschjahr in Finnland

Das Land der tausend Seen. Das Land mit der wohl schwierigsten Sprache. Das Land der langen dunklen Winter. Das Land der Nordlichter und Rentiere.  Das Land, wo es so viele Saunen wie Wohnungen und Häuser gibt. Das Land, dessen Menschen sich angeblich nur ungern Fremden öffnen. Das Land, das ich nun stolz mein zweites zu Hause nenne.

 

Finnische Natur

Finnland hat 187.888 Seen. Besonders im Osten des Landes, wo ich mein Jahr verbringe, gibt es überall, wo man hinschaut Seen. Meistens sind diese von Wald umgeben, der schier unendlich scheint. Dort hindurch führen viele kleine Wege, die man zu jeder Jahreszeit erkunden sollte. Als der Herbst im September kam, wurde alles rot, orange und gelb. Wenn die Sonne strahlte, konnte man nicht glauben, dass die Farben natürlich waren. Dann verschwand die Sonne und der Winter kam. Erst war es dunkel und die Bäume graue Schemen ohne Blätter. Als der Schnee kam, wurde die Welt für 3 Monate weiß. Überall gab es Skiwege und ein echter Geheimtipp ist es, mit einer Lampe unbeleuchtete Wege zu nehmen und die Stille und Dunkelheit zu genießen. Als im April alles schmolz, ließ sich das Grün nur langsam blicken. Die Farben zu dieser Zeit entstanden durch unglaublich schöne Sonnenuntergänge, die man an den Stränden der großen Seen besonders gut beobachten kann. Auch dort ist man fast immer allein. Schließlich wagte sich das Grün und mit ihm die Menschen aus den Häusern. Zu jeder Tageszeit trifft man Menschen im Wald und kann alles wieder lange genießen. Noch gibt es Sonnenuntergänge, aber richtig dunkel wird es schon jetzt nicht mehr und im Norden gibt es keine Nacht mehr. 

 

Jakso, Lukio, Wanhat

Jakso, Lukio und Wanhat sind finnische Wörter, die euch alle in der Schule begegnen werden. Das finnische Schuljahr teilt sich in fünf oder sechs Abschnitte, Jakso, auf, in denen man verschiedene, selbstgewählt Kurse hat. Als Austauschschüler besucht man das Lukio, welches der deutschen Oberstufe auf dem Gymnasium entspricht. Dort fängt man mit der ersten Klasse an und schließt mit der dritten oder vierten Klasse ab. Ich bin in der zweiten Klasse, weil diese die spannendste am Lukio ist. Das größte Erlebnis eines jeden finnischen Lukio-Schülers ist der Wanhat. An diesem Tag im Februar feiern die Zweitklässler, dass sie nun die ältesten an der Schule sind, da die Drittklässler sich am vorangegangen Tag mit einem großen Umzug von der Schule verabschieden und in ihre Lernferien gehen. In den Wochen vor Wanhat haben wir im Sportunterricht viele traditionelle Tänze gelernt und haben diese an unserem großen Tag vor Schülern, Eltern, Lehrer und Gästen vorgeführt. Vor allem für die Mädchen ist es ein großer Aufwand. Wochen vorher muss man ein Kleid kaufen oder leihen, einen Friseurtermin machen, sich möglicherweise auch Gedanken über Make-Up machen. Ich selber habe mein Kleid gekauft und denke, dass es eines der schönsten Andenken ist.

 

Aber es gibt natürlich noch normalen Unterricht. Der jedoch unterscheidet sich schon allein in Sachen Technik sehr von Deutschland. In jeder Schule gibt es ein für die Schüler zugängiges WLAN. Im Unterricht benutzt man Computer oder Tablets. An meiner Schule bekommt jeder Schüler ein iPad, was man für die Zeit des Lukios nutzen darf und danach für weniger Geld kaufen kann. Auch haben die Lehrer keine Angst die Whiteboards kaputtzumachen wie in Deutschland, sondern benutzen sie die meiste Zeit.

 

Der Stereotyp des schweigsamen Finnen

Der typische Finne möchte am liebsten alleine sein. Er verbringt seine Zeit mit einem Bier in seinem Mökki (finnisches Sommerhaus mitten im Nirgendwo) und geht dort in die Sauna und im See schwimmen. Sein Lieblingswort ist „Perkele“ (finnisches Schimpfwort) und mehr bekommt man selten zu hören. Dass das nur die halbe Wahrheit ist, kann ich bestätigen. Besonders die jüngere Generation ist genauso redselig wie alle anderen Jugendlichen dieser Welt und als Austauschschüler wird man herzlich aufgenommen. Ich habe eine Gruppe von Freunden, die ich so lieb gewonnen habe wie meine deutschen Freunde. In der Schule kennt mich jeder, aber mit allen gesprochen habe ich nicht. Manchmal kann es jedoch passieren, dass sich ein schüchterner Finne aus seinem Haus hervortraut und plötzlich anfängt, Englisch mit dir zu sprechen. Und plötzlich hat man wieder jemand neuen kennengelernt, den man vielleicht sogar mit seinen Finnischkenntnissen beeindrucken konnte.

 

Wenn man aber den langen dunklen Winter erlebt hat, weiß man wieso Finnen weniger reden. Es ist anstrengend, bei 4 Stunden Sonnenlicht pro Tag Motivation für irgendetwas zu finden und viele von uns werden wohl gelernt haben, dass Schweigen doch schön sein kann.

 

Auch wenn das, was ich hier beschrieben habe, schon recht viel ist, ist es lange nicht alles, was Finnland ausmacht. Denn auch wenn es europäisch ist, ist Finnland doch etwas ganz anderes im Vergleich zu Deutschland. In vielen Dingen auf jeden Fall schöner!

Ein Sonnenuntergang in Finnland

Felicitas beim Skifahren in Finnland

Beim Schulball

Finnische Natur