Sverige, mitt andra hem - Schweden, meine zweite Heimat

Erfahrungsbericht von Tara, Austauschjahr in Schweden

Man kann so viele Länder bereisen, so viele Kulturen sehen. Aber ein Land und vor allem die Bewohner lernt man erst richtig kennen, wenn man ihren normalen Alltag lebt. Wenn man nicht nur die Touristenorte gesehen hat, sondern auch Orte und Momente erlebt hat, die ein einfacher Urlauber nicht sieht, dann fühlt man sich sehr schnell, als hätte man seine zweite Heimat gefunden. Zumindest geht es mir so.

Ich bin ein Mensch, der die Natur liebt, sprachenbegeistert ist und der auch gern Abenteuer erlebt - und trotzdem einen ruhigen Moment für sich sehr genießt. Deshalb war Skandinavien bzw. Schweden eine sehr gute Wahl für mich. Und wenn ich jetzt zurückblicke, dann bereue ich nichts!!

Als es an der Zeit war, Koffer zu packen und von meinem Zuhause und meiner Familie Abschied zu nehmen, war ich viel zu aufgeregt, um das Ganze auch wirklich zu realisieren. Deshalb verlief der Abschied sehr schnell und ehe ich mich versah, saß ich mit den anderen Austauschschülern im Flieger auf dem Weg in ein mir noch unbekanntes Land. In Stockholm wurden wir Austauschschüler vorerst vier Tage in einem Camp betreut und auf das Land vorbereitet, bis wir dann auf unsere Gastfamilien trafen. Manche Gastschüler wurden abgeholt, ich aber bin mit dem Zug nach Göteborg gefahren, da mein neues Zuhause dort in einem Vorort liegen sollte. Allerdings kam der Zug 20 Minuten zu früh an, weshalb meine Gastfamilie noch nicht da war. Nun stand ich also an einem fremden Bahnhof in einem fremden Land umgeben von einer fremden Sprache, während ich auf drei Personen wartete, die ich noch nie zuvor gesehen hatte. Mein Schulweg führte später an jenem Bahnhof vorbei und immer wieder blickte ich gerne auf jenen komplizierten, aber auch schönen Moment zurück. Meine Gastfamilie bestand aus meinen Gasteltern, meinem 17-jährigen Gastbruder und einem fetten Kater, mit denen ich in einem kleinen Haus in einer Reihenhaussiedlung gewohnt habe.  Und auch wenn es nicht das typisch schwedische rote Haus war, so habe ich mich doch direkt sehr wohl gefühlt.

Die Sprache habe ich mir ohne Vorkenntnisse relativ schnell angeeignet. So habe ich mit meiner Gastfamilie nach ca. vier Monaten nur noch Schwedisch gesprochen. Aber auch mit Englisch kommt man in Schweden ohne Probleme weiter. Auch in der Schule war es am Anfang für meine Mitschüler eine Umgewöhnung, Englisch mit mir zu sprechen, aber nach kurzer Zeit waren sie sehr viel offener und haben mir viel geholfen. In Schweden geht man normalerweise neun Jahre in die Grundschule und anschließend drei Jahre auf das Gymnasium, welches sehr viele unterschiedliche Programme anbietet, die man sich je nach Interesse und späterer Berufswahl aussuchen kann. Ich habe das erste Schuljahr in einem gesellschaftswissenschaftlichen Programm besucht.  Auch mit den Lehrern geht man viel offener um. Man nennt sie beim Vornamen und duzt sie, da es im Schwedischen keine Sie-Form gibt. Deshalb ist auch der Umgang zwischen den Schweden sehr fröhlich und unbeschwert.

In meiner Freizeit hatte ich ein halbes Jahr Tennistraining und habe auch dort zahlreiche Freunde kennengelernt. Ich kann jedem Austauschschüler raten, den eigenen Hobbys im Gastland weiter nachzugehen bzw. neue auszuprobieren. Ab und zu bin ich auch ins nächste Schwimmbad gefahren und habe dort trainiert. Da mein Gastvater sehr sportbegeistert ist, waren wir auch auf vielen Fußballspielen des IFK Göteborgs. Außerdem besuchten wir ein Eishockey- und Bandyspiel (die Pucks werde ich wohl für immer als Trophäen aufheben). Ansonsten habe ich mich oft mit Freunden in der Stadt getroffen und habe „Fika“ gehalten. Fika ist typisch Schwedisch und vergleichbar mit Kaffeetrinken und Kuchenessen. Während der letzten Wochen war ich auch oft mit Freunden oder mit der Klasse bei schönem Wetter an der Küste schwimmen.

Faszinierend an Schweden fand ich die Sonne und das Wetter. Da Göteborg relativ weit südlich liegt, hatten wir nicht sehr viel Schnee, dafür jedoch ungewöhnlich lange. Im März war ich mit meiner Familie in der Nähe von Östersund, was in der Mitte Schwedens liegt. Dort lagen ungefähr 1,5 Meter Schnee - perfekt für Ski- und Schneemobilfahren. Wie viel Schnee dann ganz im Norden liegt, muss ich glaube ich nicht erwähnen. Im Winter war es lange dunkel, was man auch im Süden zu spüren bekommen hat. Die Sonne ging gegen 9:00 Uhr auf und bereits gegen 14:00 Uhr wieder unter. Deshalb haben wir im Winter nicht sehr viel draußen unternommen und ich habe meine Liebe fürs Zeichnen entdeckt.  Im Sommer hingegen ging die Sonne schon gegen 5:30 Uhr auf und erst gegen 23:30 unter. Deshalb konnte man umso mehr draußen unternehmen.  Im Sommer geht im Norden die Sonne allerdings gar nicht erst unter. Das konnte ich sehr schön auf der Lapplandreise von YFU mit den anderen Austauschschülern im Juni erleben.

Am meisten begeistert hat mich insgesamt die enge Verbindung zwischen Stadtleben und Natur. So war ich zum Beispiel nach 20 Minuten Busfahrt in der Innenstadt der zweitgrößten Stadt Schwedens oder nach nur 10 Minuten Fußweg an einem ruhig gelegenen See bzw. an der Westküste. Es war einfach perfekt, um zum einen unter Menschen zu kommen und andererseits einfach mal seine Ruhe zu haben und die Stille am Wasser zu genießen.

Dieses Austauschjahr hat mir viel gegeben: Ich habe eine neue Sprache und Kultur kennen und lieben gelernt, ich habe eine zweite Heimat mit Familie und sehr guten Freunden gefunden und ich habe vor allem mehr zu mir selbst gefunden und gemerkt, wozu ich eigentlich imstande bin.

Der Abschied ist mir nicht sehr leichtgefallen. Ich weiß, dass ich selbst als Besucher später meinen schwedischen Alltag nicht mehr so erleben werde, wie ich es in diesem Jahr getan habe. Gerade im Sommer hat dieses wunderschöne Land so viel zu bieten. Ich kann jedem nur ans Herz legen, eine solche Erfahrung selbst zu machen. Nicht nur in Schweden, sondern in jedem Land, zu dem ihr euch hingezogen fühlt.

Tara in Schweden

Schweden im Winter

Tara beim Skifahren in Schweden

Schwedens schöne Natur

Ein Fluss in Schweden