Ich bin dann mal weg!

Erfahrungsbericht von Martje, Austauschjahr in den USA

"Ich bin dann mal weg!" - So jedenfalls habe ich mich ungefähr von meinen Freunden und meiner Familie verabschiedet, als ich am 6. August zum Flughafen Hannover fuhr. Die Entscheidung ein Jahr ins Ausland zu gehen fiel mir ziemlich leicht und war bereits zwei Jahre vorher beschlossene Sache.
Also habe ich mich erkundigt und nach einiger Recherche habe ich mich für YFU entschieden - eine Entscheidung, die ich auf keinen Fall bereue.

 

Vorbereitung

YFU hat mich wirklich sehr gut vorbereitet auf das Jahr in Amerika, doch letztendlich kommt immer alles anders als man denkt und doch am Ende merkt man, wie alles zusammen passte und stimmte.
Das Kofferpacken fiel mir ziemlich leicht, denn es stand fest, dass es in den Norden nach Minnesota, Minnetonka gehen soll. Also dementsprechend habe ich mir vorgenommen viele Klamotten einfach drüben zu kaufen und eher Basics mitzunehmen und viele Gastgeschenke, denn ich wollte meiner Gastfamilie eine Freude bereiten.
Der Abschied fiel mir eher weniger gut, bis zum Check-In am Flughafen war alles blendend, wir haben gelacht und gescherzt, doch als mein Vater dann plötzlich emotional wurde und auch noch anfing zu weinen, da war kein Halten mehr für mich. Zusätzlich musste ich mich von meinem Freund verabschieden, was mir auch nicht leicht fiel. Doch letzendlich war mein Entschluss gefallen, ich wollte dieses Erlebnis und es gab nichts, was mich davon abhalten könnte! Meine Neugier und Begeisterung war einfach zu groß!
Der Flug ging schnell vorbei und ich habe erste Bekanntschaft mit anderen Austauschschülern gemacht, eine davon wurde eine meiner besten Freunde während des gesamten Jahres! Umsteigen und alles andere war ein Kinderspiel, besonders weil von YFU immer jemand zur Stelle war, außerdem waren sehr viele andere Austauschschüler mit im Flugzeug, sodass man mehr oder weniger mitlaufen konnte.

 

Ankunft

Nach langem und anstrengendem Flug bin ich endlich in Minneapolis, MN angekommen. Leider war meine Gastfamilie spät dran, was aber kein Problem darstellte, denn ich wurde herzlich von einem YFU - Mitarbeiter begrüßt, der sich meiner angenommen hat, bis meine Gastmutter und mein Gastbruder eintrafen.
Wir hatten bereits vor meinem Abflug Kontakt durch Telefon und Skype, wie auch Facebook. Dadurch war das Zusammentreffen herzlich und vertraut.
Leider hatte ich viel Heimweh in den ersten Tagen, wurde aber von meiner Gastmutter und meinen Freunden daheim ermuntert durchzuhalten.

 

Der Umzug

Das Schicksal wollte auch leider nicht, dass ich bei meiner ersten Gastfamilie bleibe, denn diese hatte familieninterne Probleme, sodass ich ausziehen musste. Das alles war kein Problem, mein Arearep hat sofort geregelt, dass ich erstmal bei dem Mädchen unterkam, die ich im Flugzeug kennengelernt hatte. Ich blieb dort eine Woche und bin dann vorübergehend bei meiner Arearep eingezogen. YFU hat meine Eltern daheim sofort benachrichtigt und diese wussten mehr über die Situation als ich es zu dem Zeitpunkt gewusst hatte. Letztendlich hatte meine Arearep entschieden, dass ich bei ihr in der Familie bleiben konnte, was mich sehr glücklich gemacht hat.
So war meine Familie für die nächsten 9 Monate dann Sue meine Gastmama, Rick mein Gastpapa, Riley und Chika die beiden Hunde und zwei Gastschwestern, welche aber nicht mehr daheim gewohnt haben, sondern zum College gingen. Das war kein Problem für mich, denn meine Gastmama und ich passten so perfekt zusammen, dass ich keine weitere Unterstützung gebraucht hätte! :-)

 

Erster Schultag

Im Voraus habe ich mit Sue meinen Stundenplan individuell zusammen gestellt und mit der Schule und YFU abgestimmt. Der erste Schultag war für mich trotzdem sehr aufregend! Ich war vorher in Deutschland selbst auf einer relativ großen Schule (1700 Schüler), aber 3000 Schüler waren dann doch ein wenig mehr als gewohnt. Den Lehrern und Schülern ist erst aufgefallen, dass ich nicht aus Amerika bin, als sie meinen Namen gelesen oder gehört haben bzw. versucht haben, diesen auszusprechen. "Martje" ist nun wirklich kein sehr bekannter und einfacher Name, so habe ich schnell die ersten Spitznamen bekommen, wie zum Beispiel "March", "Marge" oder "Marty". Letzterer hat sich dann durchgesetzt. Ich habe schnell Bekanntschaften gemacht, denn die Amerikaner waren einfach sehr interessiert an meinen Geschichten und Erfahrungen aus Deutschland und hingen mir so gesehen an den Lippen. Auch wenn anfänglich mir die Sprache ein paar Striche durch die Rechnung gemacht hat, so konnte ich doch immer wieder irgendwie das zu verstehen geben, was ich ausdrücken wollte.

 

Jeder Tag eine neue Erfahrung

Mit jedem Morgen kam ein neuer Tag, der neue Erfahrungen mit sich brachte. So habe ich im ganz normalen Alltag meine größten und besten Erfahrungen gemacht. Das bloße rumalbern und reden mit meinen Gasteltern war mir die größte Freude und vermisse ich am meisten. Mit meinem Gastvater habe ich viele eher "rustikalere" Erfahrungen gemacht, so waren wir Quadbike fahren, Jagen und Fischen zusammen und haben eine Nacht bei Minusgraden in unserem selbstgebauten Iglu übernachtet. Ich habe mich sehr für seine Hobbies und Interessen begeistern lassen, was das Zusammenleben gefördert und einfacher gemacht hat. Mit meiner Gastmutter habe ich eher "weibliche" Erfahrungen gemacht, so waren wir viel Shoppen oder haben uns abends DVDs mit Popcorn angeschaut. Meine Gasteltern sind für mich zu meinen zweiten Eltern geworden und ich möchte sie nie mehr missen.

 

Sport

Trotz der Empfehlung von YFU von Anfang an einem Sportteam beizutreten, habe ich mich erst nach Halbzeit dazu entschlossen - es sollte die beste Entscheidung meines gesamten Austauschjahres sein.
Aus purer Langeweile haben zwei Freundinnen und ich uns dazu entschlossen, dem Mädchen Rugby Team beizutreten. "Rugby? Das ist doch voll brutal und lebensmüde!" Hmm, vielleicht! Aber genau das hat mich gereizt. Das Neue, das Ungewisse! Für mich war Rugby perfekt. Und die Mädchen im Team waren nicht so "Mädchen-like", sodass ich mich von Anfang an wohl gefühlt habe! Wir hatten vier Mal die Woche Training: Montag, Dienstag und Donnerstag normal Training und Mittwoch Spiel. Freitags sind wir vom Team aus manchmal ins Fitnesscenter gegangen um uns fit zu halten oder um zu schwimmen und dabei unsere Muskel zu entspannen. Ich habe durch das Team die besten Freunde gemacht und die besten Erfahrungen.

 

Das Besondere erleben

Ich habe keine Gelegenheit ausgelassen, um das Besondere zu erleben. Sei es mit meinem Gastvater zusammen oder dem Rugbyteam beizutreten. Ich habe außerdem am YFU-Trip "Hawaii" teilgenommen und wunderbare Erfahrungen gemacht. Zusätzlich habe ich New York City und Duluth besucht, einen Trip mit meiner Gastmutter und meinem neuen Arearep nach Wisconsin gemacht und ein Wochenende bei meiner Gastschwester in St. Paul verbracht. Deswegen ist mein Motto: Nicht träumen, nicht denken - HANDELN!

 

Freunde finden

Am einfachsten neue und gute Freunde zu finden war es, in dem ich einer Gemeinschaft beigetreten bin. Also zum Beispiel dem Rugbyteam oder dem Chor. Auch in meiner American Sign Language Klasse habe ich schnell gute Freunde gefunden, die ich über das gesamte Jahr behalten und schätzen gelernt habe.

 

Der Abschied

Zusammen mit zwei anderen Austauschschülern habe ich eine große Abschiedsfeier gehabt, ganz im amerikanischen Sinne. Alle haben etwas mitgebracht, sodass wir kaum irgendwas organisieren mussten. Alle meine Freunde sind gekommen und wir konnten noch einmal ganz in Ruhe zusammen sitzen und quatschen. Dabei galt immer :

"It's never a goodbye, it's always a see ya later."

 

Nach diesem Motto haben wir uns verabschiedet und konnten so die meisten Tränen für uns behalten. Meine engsten Freunde habe ich nochmal zu mir nach Hause eingeladen zu einem "get together" im Coldersack (Sackgasse) mit meinen Nachbarn zusammen. Auch meine American Sign Language Lehrerin kam um sich von mir zu verabschieden. Für mich war sie mehr als nur meine Lehrerin, sondern auch eine gute Freundin. Sie war taub und neu an der Schule, genauso neu und unerfahren wie ich. So hatten wir einige Gemeinsamkeiten, die uns verbunden haben. Auch mit meiner Geschichtslehrerin hatte ich eine Freundschaft aufgebaut. Als ich mich von ihr im Lehrerzimmer verabschiedet habe, ist sie in Tränen ausgebrochen.
Mein letzter Abend war sehr schön, entspannend und ruhig, sodass ich in Ruhe zu Bett gehen konnte. Am nächsten Morgen habe ich meine restlichen Sachen zusammen gepackt und mein Basement und Zimmer sauber gemacht, meine Gastmama hat mir dabei geholfen. Dann ging es schon so langsam Richtung Flughafen. Als erstes musste ich mich von "meinen" Hunden verabschieden, die mir sehr ans Herz gewachsen sind. Besonders Riley, die Labrador-Dame, die mich immer getröstet hat. Am Flughafen musste ich mich dann von meiner Gastmama und meinem Gastpapa verabschieden, außerdem von einigen Sachen, denn mein Koffer war 10 Pfund zu schwer gewesen. Wir machten es kurz und schmerzlos, jedenfalls war das der Plan. Aber wie so oft erfahren geht nichts nach Plan, sondern eher das Gegenteil war der Fall.
Letztendlich saß ich mit schwerem Herzen im Flugzeug Richtung erste Heimat... und musste meiner zweiten Heimat den Rücken kehren. Die Vorfreude auf meine Familie und Freunde war groß, doch der Schmerz so vieles hinter mir zu lassen, noch viel größer. Aber wie ich so oft schon vorher gedacht habe...

 

It's never a goodbye, it's always a see ya later...

... and never forget - it is the same sky we're looking up to ... and it doesn't matter where we are to know that we belong together...

 

Martje mit ihrer Gastmutter

Beim Rugby

Große Erfolge beim Angeln!

Martje (links) mit einer Freundin beim Ball