Von Mumintrollen und vertauschten Vokalen

Erfahrungsbericht von Leon, Austauschjahr in Finnland

Warum denn Finnland?
Mit dieser Frage wurde ich immer wieder konfrontiert. Noch im September hatte ich eigentlich vor, nach England zu gehen. Doch dann traf ich auf einer Auslandsmesse in Düsseldorf am YFU-Stand einen Schüler, der total begeistert von seinem einjährigen Finnlandaufenthalt berichtete. Deshalb bewarb ich mich im Sommer bei YFU für ein Schuljahr in Finnland. Vielleicht kann ich mit diesem Bericht über meine ersten 3 Monate in Helsinki die Frage „Warum denn Finnland?“ beantworten. Helsinki stand auf meiner Wunschliste für meinen Finnlandaufenthalt ganz oben, aber noch drei Wochen vor meiner geplanten Abreise nach Finnland hatte ich noch keine Ahnung, in welche finnische Stadt bzw. Gegend ich kommen sollte. Ich wurde zunehmend unruhig, doch zwei Wochen vor meiner Abreise bekam ich endlich einen Brief von YFU und hatte Glück: Eine Familie in Helsinki mit zwei älteren Gastbrüdern würde mich aufnehmen. Mein Gastvater Jukka schickte mir direkt den Google Earth-Link zum Haus und die Vorfreude wuchs, denn es war ein schönes Haus mit großem Garten direkt in der Nähe vom Wasser.

 

Sauna und Sprachbarrieren

Glücklicherweise liegt das Haus meiner Gasteltern nur 800 Meter vom Meer entfernt. Und so war der (Spät-)Sommer in Helsinki ein Finnlanderlebnis wie aus dem Bilderbuch: Am Wochenende fuhren wir mit dem Boot zu einer Insel, gingen dort in die Sauna, schwammen im Meer, grillten, sammelten Beeren und Pilze. Inzwischen bin ich ein echter Saunafreund geworden und habe meinen Vater in Deutschland beim Skypen direkt gebeten, auch bei uns Keller eine Sauna einzurichten. Es kam und kommt mir hier so relaxt und entspannt vor, nicht so hektisch wie in NRW. Dafür war die erste Woche sprachlich besonders anstrengend: Mein Gastbruder Arttu hatte einen spanischen Freund hier, mit dem ich Spanisch sprach, mit meiner Gastfamilie Englisch, weil das Finnisch, was ich an der VHS gelernt hatte, nicht ausreichte. Obwohl ich vorher schon zwei Kurse Finnisch an der Volkshochschule besucht hatte, war der Einstieg schwierig. Aber mit der Zeit verstehe ich diese Sprache nun viel besser. Häufig werden die Vokale ausgetauscht, so dass ich nun sogar im Deutschen „ei“ schreibe obwohl es „ie“ heißen muss. Die 15 verschiedenen Fälle werden quasi hinten angehängt, aber all das zu erklären, wäre zu schwierig. Hier in Helsinki nutze ich vor allem die finnische und die englische, und gelegentlich auch die deutsche Sprache. Mittlerweile klappt es aber schon einigermaßen gut in Finnisch, allerdings mehr in der Familie als in der Schule.

 

Schule in Finnland

Schon einen Tag nach meiner Ankunft habe ich die Helsingin Kieluko (meine finnische Schule) besucht. Meine Begleitlehrerin hat vor Jahren mit YFU ein Jahr in Deutschland verbracht und konnte mir gerade zu Beginn wichtige Tipps geben. Die Schule beherbergt nur die finnische Oberstufe und alle Fächer, die ich gewählt habe, sind auf Finnisch mit Ausnahme des Englischunterrichts. Das Schuljahr ist in 5 „Yaksi“ unterteilt, d.h. man hat jeden Kurs 2 Monate lang und schreibt am Ende Klausuren oder macht eine schriftliche Hausarbeit über ein Thema. Ich habe z.B. in Geschichte über das Thema „German-Finnish partnership from 1941-1943“ eine Ausarbeitung gemacht. Ich war wirklich froh, dass ich in Deutschland bilingual unterrichtet worden bin, denn bei der Ausarbeitung auf Englisch kam es mir echt zugute.

Daneben habe ich zunächst Finnisch als Fremdsprache, Englisch, Mathematik, Physik und Sport gewählt. Beeindruckend war auch vor der Abreise nach Finnland, dass der Internetauftritt meiner finnischen Schule in Finnisch, Englisch, Schwedisch, Italienisch, Russisch und Japanisch aufgerufen werden kann. Dabei kam mir Pisa-Sieger Finnland in den Sinn und dass Finnlands Bildungssystem zu den allerbesten der Welt gehört. Was das Erfolgssystem ist, habe ich noch nicht ganz herausgefunden, aber auf der Homepage der Schule gibt es die „philosophy of Education“ und was ich dort gelesen habe, finde ich an meiner Schule auch wieder, z.B. Finnisch als Fremdsprache in einer kleinen Gruppe, die ich mit Russen, Syrern, einem Jungen aus Bosnien und weiteren Zuwanderern besuche. Auch wie wir Schüler die Freistunden verbringen dürfen, beeindruckt mich. Der Fitness- und der Computerraum stehen uns ebenso zur Verfügung wie eine Schulmensa, die unterschiedliche Gerichte anbietet. Außerdem dürfen wir im Unterricht auch mit unserem Handy recherchieren und ich darf sogar Vokabeln nachsehen – aber natürlich nur, wenn der Lehrer uns auffordert. Insgesamt sind die Schüler und Lehrer sehr nett. Der Schulweg beträgt nur 20 Minuten zu Fuß, die ich täglich laufe.

 

Neue Hobbys und alte Leidenschaften

YFU Helsinki bietet gute (Kennenlern-)Aktivitäten an: Ich war bei einer Nachtexkursion im Zoo und bei einer 2-tägigen Reise nach Estland zur Hauptstadt Tallinn in den Herbstferien dabei. Tallinn hat mir aufgrund seines mittelalterlichen Stadtbildes besonders gut gefallen, ich fühlte mich irgendwie an Nürnberg erinnert.

 

In meiner Freizeit hat mich mein Gastbruder zu seinem Hobby Bouldern mitgenommen, aber das war nicht wirklich meine Sportart, sodass ich mir einen Basketballverein gesucht habe, in dem ich Montag und Samstag mittrainiere – leider ist es etwas weiter entfernt, aber mein Gastvater Jukka hat mir ein Fahrrad fertig gemacht (mit Licht – ganz wichtig in der nun kommenden Jahreszeit), mit dem ich die Strecke in ca. 30 Minuten bewältigen kann. Als Graphic Novel Fan habe ich den Besuch beim 29. Comic Festival in Helsinki im September sehr genossen, das Gastland war Saksa (also Deutschland) und hat mich etwas weniger interessiert. Natürlich waren auch die Mumins vertreten, aber die finnische Comic Szene hat weit mehr zu bieten als nur die Erfinderin dieser weltberühmten Trolle: Tove Janson.

 

Jetzt bin ich schon drei Monate hier und es kommt mir vor wie eine kleine Ewigkeit. Bisher habe ich diesen Schritt noch nicht einen Tag bereut, obwohl ich ehrlicherweise zugeben muss, dass mir ein bisschen vor dem langen, kalten und vor allem dunklen Winter graut. Da mir trockene Kälte wenig ausmacht und ich gerne Ski und Schlitten fahre, hoffe ich nun auf viel Schnee. Warum ich jedem sofort einen Auslandsaufenthalt (in Finnland) empfehlen würde? Abgesehen von Land und Leuten sowie dem Leben in einer Gastfamilie finde ich besonders die Schule und das tolle Schulsystem hier interessant; aber auch was man über sich selbst erfährt und wie man im Ausland zurechtkommt.

Leon mit anderen Austauschschülern in Finnland