Wie in einem Märchen aus 1001 Nacht

Erfahrungsbericht von Philine, Austauschjahr in Aserbaidschan

Aserbaidschan – das Land des großen Ölreichtums: Das war wohl der erste Eindruck, der mir damals Anfang September durch den Kopf gegangen ist, als ich nach meiner Ankunft mit meiner Gastfamilie das Flughafengebäude verlassen und den intensiv, leicht stechenden Ölgeruch in der Luft wahrgenommen hatte, eingebettet in das abendliche Hupkonzert des in ein Lichtermeer getauchten Bakus. Mittlerweile nach fast neun Monaten hier bemerke ich diesen Duft lediglich beim Spazierengehen an der neu angelegten Promenade am kaspischen Meers, aus dem die Plattformen hoch herausragen und glänzende Schlieren auf den Wellen tanzen lassen.

 

Nicht nur die hiesigen Gerüche und Geräusche kommen mir mittlerweile vertraut vor – das Land des Feuers unter westlichem und östlichem Einfluss, zwischen Tradition und Moderne, aserbaidschanischer und russischer Sprache fühlt sich wie ein zweites Zuhause an und hält dennoch Tag für Tag neue Überraschungen bereit, so wie in einem Märchen aus 1001 Nacht.

 

Aller Anfang war schwer und ich hatte oft das Gefühl, für all die Herausforderungen nicht stark genug zu sein. Meine Gastmutter hatte mich damals immer wieder ermutigt mit der Antwort: „Du bist stark, du weißt es nur noch nicht!“ – und so habe ich immer weiter gekämpft. In der ersten Zeit schien es, als ob die vor meiner Abreise erworbenen Russischkenntnisse wie weggeblasen waren und zusätzlich umgab mich noch die aserbaidschanische Sprache, die mir aufgrund des komplizierten Grammatikaufbaus unerlernbar schien. Auf Krankenhausbesuche, bei denen ich im Halbwachzustand mithilfe des Wörterbuches versucht hatte, mich verständlich zu machen, blicke ich inzwischen mit einem Schmunzeln zurück – nicht zu vergessen das Einfinden in die so andere Kultur, wobei mich meine Gastfamilie, Lehrer und Mitschüler ungemein unterstützt haben. Generell habe ich hier die Erfahrung gemacht, als Deutsche überall mit offenen Armen empfangen zu werden.

 

Für viele Aserbaidschaner ist Deutschland das Land ihrer Träume: Wenn man Jugendliche fragt, wo sie studieren wollen, ist Deutschland oft der Erstwunsch, meine Gastfamilie verpasst kein Spiel der Fußball-Bundesliga und die Aussage „Ich liebe Deutschland!“ ist nicht selten die begeisterte Reaktion, wenn ich erzähle, wo ich herkomme.

 

Das Schuljahr beginnt hier Mitte September mit der „Ersten Klingel“, einer bunten Veranstaltung, bei der die von Elftklässlern auf den Schultern getragenen neuen Erstklässler mit großen Glocken zur ersten Unterrichtsstunde läuten.

 

An jeder Schule gibt es einen aserbaidschanischen Sektor, in dem auf Aserbaidschanisch unterrichtet wird und einen russischen, in dem alles auf Russisch abläuft. Ich hatte mich für letzteren entschieden, da ich Russisch während meines Austauschjahres als Hauptsprache erlernen wollte. Projekte laufen allerdings übergreifend, sodass ein Freund aus dem aserbaidschanischen Sektor mich Mitte Oktober zu einer gemeinsamen Teilnahme an einem Forschungsprojekt eingeladen hatte. Wir begaben uns auf die Suche nach gemeinsamen Wurzeln deutscher und aserbaidschanischer Stämme und erlangten für unser Projekt den ersten Platz. Da wir alles auf Englisch ausgearbeitet hatten, war ich davon ausgegangen, dass die Präsentation auch in dieser Sprache ablaufen würde, aber da die in der Jury sitzenden Professoren lediglich Russisch und Aserbaidschanisch verstanden, musste ich alles ein paar Tage vorher verzweifelt auf Russisch einüben. Nach zwei Monaten gab es einen kleinen sprachlichen „Durchbruch“, sodass ich mich zumindest ohne Probleme verständigen konnte.

 

Den Durchblick im aserbaidschanischen Schulsystem habe ich so richtig erst vor Kurzem erlangt: Meine Mitschüler der elften Klasse machen im Juni eine Art Abitur, dem allerdings im August noch eine extrem schwere Universitätsaufnahmeprüfung folgt. Von dessen Ergebnis hängt ihr weiterer Lebensweg ab, denn je nach Punktzahl wird man den Universitäten zugeordnet oder bekommt sogar ein Stipendium, um im Ausland zu studieren. Deswegen ist das Einzige, was man ab der neunten Klassen macht: „Lernen, Lernen, Lernen“ – und zwar mit Privatlehrern, für die monatlich oft 600 Manat (ein Manat entspricht einem Euro) aufgewandt werden. Was meine Klassenlehrerin als „menschlichen Faktor“ bezeichnet, würde man aus westeuropäischer Sicht womöglich Korruption nennen: Es ist kein Geheimnis, dass das Lehrergehalt hier rund 200 Manat monatlich beträgt, die Lebenshaltungskosten jedoch denen im Westen entsprechen. Amerikanische oder europäische Markenkleidung ist hier viel teurer. Um dies auszugleichen, geben die Lehrerinnen von Eltern bezahlten Privatunterricht in kleinen Gruppen, manchmal sogar morgens während des offiziellen Unterrichts, sodass ein Teil der Klasse sich anderweitig beschäftigt. Dies bezieht sich vor allem auf die Schüler der elften Klasse, die jetzt immer seltener zur Schule kommen, weil sie sich mit ihren Privatlehrern aufs Abitur vorbereiten. Solche Vereinbarungen wie „Morgen bringst du mir die 100 Manat für letzten Monat und im nächsten Test bekommst du 100 Prozent“ sind oft zu vernehmen. Fast immer wird auswendig gelernt, eher weniger diskutiert oder analysiert. Als ich Lehrern und Mitschülern vom deutschen Politikunterricht berichtete, blickten sie mich erstaunt an.

 

Die Völker im Kaukasus sind für ihre besonderen mathematischen Fähigkeiten bekannt, was mir anfänglich einen Schrecken einjagte. Meine Freunde wissen sämtliche Formeln auswendig und sind dazu in der Lage, in Windeseile komplizierte Matheaufgaben an der Tafel zu lösen; Taschenrechner sind verboten. Oft setzen sie sich geduldig nach dem Unterricht mit mir hin und erklären mir die Aufgaben noch einmal langsam. In Fächern wie Geschichte halte ich manchmal Präsentationen, sodass unsere Lehrerin einen interessanten Vergleich historischer Ereignisse aus aserbaidschanischer und deutscher Sicht anstiftet.

 

Generell ist das Verhältnis zwischen Lehrern und Schülern sehr freundschaftlich. Jetzt gegen Ende der Schulzeit planen wir gemeinsam mit ihnen unsere Schulentlassung (die „Letzte Klingel“) und organisieren unseren Abschlussball, für den alle einen immensen Aufwand treiben. Zum Beispiel nehmen wir Songs in Tonstudios auf und bereiten Tanzchoreographien vor.

 

Apropos Tanzen: Hier ist ein Traum in Erfüllung gegangen. Seit Dezember besuche ich traditionell aserbaidschanischen Tanzunterricht, was zu einer neuen Leidenschaft geworden ist. Bei meinem ersten Auftritt war es für mich eines der schönsten Erlebnisse, das Leuchten in den Gesichtern der Zuschauer zu sehen. Sie freuten sich darüber, dass ein deutsches Mädchen ihren Nationaltanz aufführt.

 

Die aserbaidschanische Sprache spreche ich inzwischen ebenfalls. Das hat sich so mit der Zeit ergeben, denn ich habe mich einfach meine Gastschwestern und Freunden angepasst, die permanent lernen. Abends ist Ausgehen unter Jugendlichen nicht angesagt, schon gar nicht unter Mädchen. Diesen wird in der aserbaidschanischen Kultur besonderer Respekt erwiesen, nicht zuletzt religionsbedingt. Meine Klassenlehrerin hat mir erklärt, dass laut dem Islam das Paradies am Fuße der Mutter liege und deswegen auf Frauen besonders geachtet werde. In der Metro zum Beispiel, ist es selbstverständlich, dass Jungs oder Männer aufstehen, sobald eine Frau oder ein Mädchen den Waggon betritt und kein freier Sitzplatz vorhanden ist. Taschen werden für uns getragen, Türen aufgehalten und beim Kinobesuch mit Freunden können wir Mädchen unser Geld zu Hause lassen.

 

Besonderer Respekt wird auch dem Grundnahrungsmittel Brot erwiesen, dessen Reste nicht im Müll entsorgt, sondern etwas erhöht an Zaunpfähle gehängt werden, damit die ärmere Bevölkerung die Möglichkeit hat, das Brot noch zu verwenden.

 

Allgemein ist die aserbaidschanische Küche sehr gesund und lecker: Es ist üblich, die Produkte frisch vom Bazar zu kaufen und viele Kräuter zu verwenden. Mein Favorit ist das Nationalgericht „Plov“, das aus Reis, getrockneten Früchten und Hühnchenfleisch besteht. Das Gericht darf beispielsweise beim Frühlingsfest „Novrus“ Mitte März auf keinen Fall fehlen. Beim Fest war es ein besonderes Vergnügen, traditionsgemäß über das im Hof aufgestellte Feuer zu springen, um alle Sorgen und Lasten hinter sich zu lassen.

 

Ich genieße das vielfältige Leben als Austauschschülerin sehr. Besonders interessant sind die Treffen bei unserer Austauschorganisation YFU-Aserbaidschan, wo die andere Austauschschülerin aus Tschechien und ich uns gegenseitig unsere Erfahrungen schildern und merken, dass wir auf viele kulturelle Aspekte schon wie durch verfärbte Brillengläser blicken.

 

Zusammen geben wir ehrenamtlich Englischunterricht im Maryam-Center, einem Bildungs- und Wohltätigkeitscenter für Kinder, dessen Eltern sich die teuren Privatlehrer nicht leisten können. Dort lösen wir immer wieder Erstaunen aus, wenn wir uns auf Aserbaidschanisch unterhalten, weil es für viele das erste Mal ist, Ausländer in ihrer Sprache sprechen zu hören.

 

In der Schule habe ich einen deutschen Conversation Club eröffnet, sowie ein E-mail-Freundschaftsprojekt mit der Halepaghen-Schule initiiert, damit auch andere Jugendliche am interkulturellen Austausch teilhaben können.

 

Ein absolutes Highlight war die Einladung zum Schnuppertag in der deutschen Botschaft in Baku, wo ich einen ersten Einblick in die deutsche diplomatische Arbeit im Ausland erhalten durfte.

 

Mir ist bewusst, wie sehr ich viele Dinge schon aus aserbaidschanischer Sicht betrachte, sodass ich meiner Rückkehr in einem Monat etwas skeptisch entgegenblicke. Schon jetzt ist mir klar, dass mich ein zweiter Kulturschock erwartet und ich mir wie eine Fremde im eigenen Heimatland vorkommen werde.

 

Wenn ihr an einem tieferen Einblick in den Alltag in Aserbaidschan interessiert seid, schaut doch mal in meinem Blog aus dem Austauschjahr vorbei.

Philine beim Schulball

Willkommen in Aserbaidschan

Aserbaidschans Hauptstadt Baku

Philine mit Freunden in Aserbaidschan

Philine mit Freunden in Aserbaidschan

Beim Orientierungsseminar

Philine mit Freunden am Meer