icon_meereskunde icon_outdoor-education icon_landwirtschaft_neu
Bucht in Brasilien

Fettnäpfchen gehören dazu

Erfahrungsbericht von Natalie, Austauschjahr in Brasilien

Oi gente! Eu sou Natalie e eu quero falar sobre meu intercambio em Brasil.
Das war portugiesisch für „Hallo Leute! Ich bin Natalie und ich möchte etwas über mein Auslandsjahr in Brasilien erzählen.“ Ich bin jetzt schon drei Monate hier, und ich habe das Gefühl, die Zeit vergeht viel zu schnell, auch wenn mir noch acht Monate bevorstehen. Trotz allem habe ich in diesen drei Monaten schon eine Menge erlebt.

 

Am 5. August trat ich meine große Reise in das, bis dahin noch ferne, Brasilien an. Es war sehr schön, einige Leute von der Vorbereitungstagung in Deutschland wieder zu treffen. Wir redeten sehr viel über unsere Ängste, aber auch unsere Vorfreude auf das Jahr, das uns noch bevorstand. Nach einem langen und sehr anstrengenden Flug sind wir dann endlich in Rio de Janeiro gelandet. Von da aus ging es dann zu einem weiteren Orientierungscamp, wo wir drei Tage mit ehemaligen Austauschschülern verbrachten. Das Camp war in den Bergen und es war unerwartet kalt in der Nacht. Dort wurden wir unter anderem auf wichtige kulturelle Unterschiede hingewiesen. Wie zum Beispiel, dass man das Klopapier nicht in die Toilette werfen darf, sondern in einem beistehenden Eimer. Oder das man normalerweise seine Unterwäsche per Hand wäscht. Außerdem gab es jeden Tag Reis mit Bohnen, weil das in Brasilien ebenfalls üblich ist. Mir ist auch sofort aufgefallen, dass an manchen Orten Trinkspender stehen. Das ist in einem Land, wo das ganze Jahr relativ heiße Temperaturen herrschen, sehr praktisch.

 

Eisbecher nach Gewicht und Ventilatoren im Klassenraum

Doch dann wurde es dann endlich ernst und wir wurden alle zu unserer Gastfamilie geschickt. Mir gingen sehr viele Sachen durch den Kopf. Wie sieht wohl meine Stadt oder mein Zuhause aus? Werde ich schnell neue Freunde finden? Und natürlich war ich auch schon sehr gespannt, meine Gastmutter (44) und meine zwei Gastschwestern (12 & 15) zu sehen. Und dann war es endlich soweit. Ich wurde sehr freundlich und liebevoll mit selbstgemachten Plakaten in Empfang genommen. Aber war ich sehr erschöpft von meiner Busfahrt, und deswegen beschlossen wir, direkt mit dem Auto nach Hause zu fahren. Das darauf folgende Wochenende habe ich sehr viele neue Leute kennengelernt. Unter anderem wurde mir auch die Stadt gezeigt und wir waren zusammen Eis essen. Dort konnte man sich seinen Eisbecher selber zusammenstellen. Der Eisbecher wurde dann anschließend gewogen und nach dem Gewicht bezahlt. Dieses Prinzip gibt es auch in einigen Restaurants. Sowas habe ich in Deutschland noch nie gesehen, aber ich persönlich finde das sehr gut.

 

Das Wochenende verging viel zu schnell und es stand der Montag bevor und somit auch mein erster Schultag. Als ich in die Schule kam, wussten schon sehr viele Leute, dass ich aus Deutschland komme. Alle wollten mir direkt zu dem Sieg der Fußball-Weltmeisterschaft gratulieren. Sie stellten auch sehr viele Fragen, und wollten, dass ich etwas auf Deutsch sage. Ich fühlte mich sofort wohl in meiner Klasse. Mir sind aber auch direkt sehr viele Unterschiede zu meiner deutschen Schule aufgefallen. Das Verhältnis zu den Lehrern ist sehr freundschaftlich. Es kommt auch öfter mal vor, dass man sie umarmt oder mit ihnen Essen geht. Man spricht sie hauptsächlich mit Vornamen an, aber zeigt trotzdem, dass man sie respektiert. Aber nicht nur das ist mir sofort aufgefallen, sondern auch das Klassenzimmer unterscheidet sich total von dem, was ich in Deutschland kenne. Es gibt in jedem Raum mindestens einen Ventilator, der fast jeden Tag benutzt wird, weil es sonst unangenehm warm ist. Außerdem hat jeder Schüler seinen einzelnen Tisch und Stuhl. Nach jeder Stunde bleiben dann die Schüler in den Klassenräumen und die Lehrer wechseln die Räume. Es war für mich am Anfang komisch, nichts von dem zu verstehen, was an der Tafel steht, oder was der Lehrer versuchte, zu erklären. Aber mittlerweile wird es immer besser. In der Schule habe ich auch die meisten meiner neuen Freunde kennengelernt. Ich mache gelegentlich mal etwas mit ihnen nach der Schule oder am Wochenende. Aber nicht nur das unternehme ich außerhalb der Schulzeit. Unter anderem gehe ich regelmäßig ins Fitnessstudio, tanze oder unternehme etwas mit meiner Gastfamilie.

 

Deutsche Weihnachtsplätzchen und eine brasilianische Hochzeit

Ich habe schon viel zusammen mit ihnen erlebt. Wir waren zusammen auf einem Stadtfest, wo es wirklich sehr gutes Essen gab und Bands, die aufgetreten sind. Und wir sind nach Juiz de Fora, einer 500.000-Einwohner-Stadt, gefahren. Dort waren wir dann in einem Kino. Das Besondere für mich war, dass der ganze Film auf Englisch mit portugiesischen Untertiteln gezeigt wurde. Und mein persönliches Highlight war schließlich eine Hochzeit, auf der wir alle eingeladen waren. Es war unbeschreiblich toll, an einer traditionellen brasilianischen Hochzeit teilzunehmen. Sehr viele Leute waren gekommen. So viele, dass einige Leute in der Kirche stehen mussten, weil es keine Sitzplätze mehr gab. Anschließend gab es dann ein großes Fest mit viel lauter Musik und fröhlich tanzenden Menschen. Es ist bewundernswert, wie die Leute versuchen, mir die brasilianische Kultur so viel wie nur möglich näherzubringen. Aber das Gleiche versuche ich natürlich auch. Alle sind sehr interessiert an Deutschland, und ich erzähle viel von meinem Zuhause und meinem Leben dort. Da in einem Monat schon Weihnachten ist, habe ich für alle Plätzchen gebacken, und sie sind wirklich sehr gut angekommen.

 

Es ist mir bewusst, dass jedem Mal peinliche Sachen passieren. Jedoch habe ich das Gefühl, dass in einem Auslandsjahr unangenehme Situationen fast zur Tagesordnung gehören. Damit ihr euch etwas darunter vorstellen könnt, werde ich euch einige meiner Erlebnisse schildern: Als ich das erste Mal mit Freunden einkaufen war und bezahlen wollte, lag mein Einkauf bei 1,99 Real (Real = Währung in Brasilien). Da ich aber mit zwei Realscheinen bezahlt hatte, dachte ich, ich bekomme noch etwas zurück. Ich wartete noch etwas. Jedoch verabschiedete mich die Verkäuferin, ohne mir etwas wiederzugeben. Ich schaute sie verwirrt an, aber verließ dann letztendlich den Supermarkt. Später erklärte mir dann ein Freund, dass das hier so normal ist und man bei so einem Preis meistens aufrundet. Manchmal ist es eben doch besser Dinge vorher zu wissen. Das trifft jedoch nicht auf mein nächstes Fettnäpfchen zu: Ich habe mich schon sehr auf meinen Geburtstag gefreut und er war in greifbarer Nähe. Jedoch erzählten mir meine Gastschwestern warnend, dass man dann manchmal mit Eiern beworfen wird. Als ich dann die letzte Stunde im Klassenzimmer saß, hoffte ich, dass ich nach dem Unterricht ohne Eier in den Haaren nach Hause gehen könnte. Dann fing es auch schon an zu klingeln und alle fingen unerwartet an, für mich zu singen. Aus Angst nahm ich schnell meine Sachen und lief aus dem Raum raus. Plötzlich wurde dann alles still. Als ich bemerkte, dass mich fragende und zugleich lachende Gesichter anschauten, wusste ich, dass es falscher Alarm gewesen war und ich mich total blamiert hatte. Im Nachhinein haben wir alle darüber gelacht und ich konnte meine schöne Feier am Abend dann doch noch genießen. Ich bin mir allerdings sicher, dass das nicht meine letzten peinlichen Erlebnisse gewesen sind, und bin gespannt was noch folgen mag.

Natalie mit ihrer Gastschwester