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Austauschschülerin mit Freunden in Brasilien

Mein Herz ist gelb, grün, blau und weiß

Erfahrungsbericht von Nina, Austauschjahr in Brasilien

Ein Jahr in ein fremdes Land zu gehen erscheint den meisten Menschen recht beängstigend. „Warum denn ausgerechnet ein Land dessen Sprache du nicht kannst?" „Geh doch in die USA da sprechen sie wenigstens Englisch." „Kannst du überhaupt Spanisch?" – Nein, denn in Brasilien spricht man eh Portugiesisch. Als ich meinen Bekannten erzählt habe, dass ich demnächst ein Jahr in einer brasilianischen Familie am anderen Ende der Welt leben würde, waren dies die meist gestellten Fragen. Ich konnte weder damals, noch kann ich jetzt, genau erklären, warum ich vor fast drei Jahren in meiner YFU Bewerbung das Kästchen für Brasilien angekreuzt habe. Es war wie ein Bauchgefühl und ich dachte mir: "Du gibst dem Schicksal einfach mal eine Chance dich ganz woanders hin zu bringen". Und genau so kam es dann auch.

 

"Da Vinci Code" auf Portugiesisch

Ich habe 11 Monate in einer kleinen Stadt im Staat Sao Paulo in Brasilien gewohnt. Meine Gastfamilie bestand aus meinen Gasteltern, meinen zwei superlieben Gastschwestern und den nebenan wohnenden Gastomis. Als ich im August in Brasilien ankam, konnte ich genau drei Sätze auf Portugiesisch: "Oi, tudo bem? O meu nome é Nina. Eu tenho quinze anos." (Hi, alles klar? Mein Name ist Nina. Ich bin fünfzehn Jahre alt). Über diese drei Sätze haben sich alle Brasilianer direkt so gefreut und waren total begeistert, dass ich das extra gelernt hatte. Die ersten Wochen hat meine kleine Gastschwester dann noch Englisch mit mir gesprochen. Ich selber war von Anfang an total motiviert und hab mir von meiner Mama in Deutschland ein paar Bücher zum Portugiesisch lernen schicken lassen. In der Schule hab ich ja eh nix verstanden also hab ich in den Schulstunden einfach Portugiesisch gelernt und dann ging es auf einmal ganz schnell bis ich nach und nach immer mehr verstanden und nach 3 Monaten dann schon richtig reden konnte. Was mir auch sehr geholfen hat, war das Lesen von Romanen in der Gastsprache. Ich hab angefangen mit einem Buch, welches ich auch schon auf Deutsch gelesen hatte und hab wirklich erstaunlich viel verstanden. Im Dezember hab ich dann sogar Dan Browns "Da Vinci Code" gelesen und verstanden. Mittlerweile finde ich Portugiesisch sogar viel schöner und klangvoller als jede andere Sprache, die ich beherrsche und ich bin schon traurig, dass ich sie bald nur noch beim Skypen hören werde.

 

Brasilianische Schule, brasilianische Ferien

Meine brasilianische Schule war eine ganz kleine, private Schule und ich war in der Abschlussklasse. Ich hatte 12 Mitschüler, die von Anfang an total viel Interesse gezeigt haben und alles über Deutschland wissen wollten. Besonders die Jungs wollten generell immer mit mir über Fußball reden, weil das, wie ich festgestellt habe, mit eins der einzigen Dinge ist, die die Brasilianer von Deutschland kennen. Der Schulstoff war gut zu bewältigen und ganz oft hat jemand eine Gitarre mitgebracht und wir haben gesungen oder wir haben uns mit den Lehrern, die hier wie Freunde behandelt werden, unterhalten. Im brasilianischen Sommer, also Ende November bis Februar, hatte ich dann Ferien. Meine Gastschwestern haben in der Zeit ihren eigenen kleinen Auslandsaufenthalt in Kanada gehabt, also hatte ich auch noch die Möglichkeit, nach 16 Jahren mal zu erleben, wie es ist, ein Einzelkind zu sein. Zum Glück hatte ich meine Freunde aus der Schule und vom Sport, mit denen ich in den Ferien dann was unternommen habe. Aber auch meine Gasteltern haben mich oft mit nach Sao Paulo oder an den Strand genommen und über die Feiertage haben wir viele Verwandte besucht.

 

Die Wunder aus Brasiliens Küche

Außerdem haben wir sehr viel gegessen! Brasilianisches Essen ist echt richtig, richtig lecker. Neben "Arroz e Feijao"(Reis und Bohnen), welche es fast täglich gibt, essen die Brasilianer viel Fleisch. Oft macht man am Wochenende einen Churrasco, also man ruft Freunde und Familie zusammen, fährt in ein Ferienhaus und grillt zusammen. Die brasilianischen Süßigkeiten sind auch ein Muss für jeden. Von Pudding bis Brigadeiro (eine Schokopraline aus Kondensmilch und Kakao) ist alles dabei und alles köstlich. Mein persönlicher Favorit, was Brasiliens Küche angeht, ist jedoch der Softdrink Guarana. Es gibt ihn nur in Brasilien und er ist beliebter als Coca Cola oder Fanta. Er wird aus der amazonischen Guarana Frucht gewonnen und schmeckt unbeschreiblich. Es gibt noch so viele Gerichte, die ich erwähnen müsste, aber dafür ist kein Platz! Man muss aber auf jeden Fall immer alles Neue probieren, wenn man die Gelegenheit hat, auch wenn man dadurch vielleicht ein paar Pfund zunimmt ...

 

Ein Land aus vielen kleinen Ländern

Zum Glück konnte ich im zweiten Halbjahr meines Abenteuers dann auch noch den Süden Brasiliens und den Amazonas kennen lernen. Eine der Besonderheiten Brasiliens ist, dass es einem erscheint wie viele kleine Länder, denn jeder Bundestaat unterscheidet sich in Sprache, Klima, Kultur und Essen vom anderen. Der Süden ist zum Beispiel sehr europäisch geprägt, während der Nordosten afrikanische Wurzeln hat. Durch meine Reisen mit anderen Austauschschülern hatte ich dann auch die Chance die weltberühmten Iguacu Wasserfälle und die Traumstrände von Florianopolis zu besuchen, im Norden mit Hausbooten durch den Amazonas zu reisen und mit Indianern Fußball zu spielen. Es war ein einmaliges Erlebnis und wer kann schon sagen, schon mal im Amazonas mit Delfinen geschwommen zu sein?
Zum Ende meines Auslandsjahres habe ich dann viel Zeit mit meiner einzigartigen brasilianischen Familie gebracht. Meine Gastschwestern sind nach 10 Monaten wirklich zu meinen Schwestern und besten Freundinnen hier geworden. Ich kann mir mein Leben nicht mehr ohne meine lustigen und herzlichen Gasteltern vorstellen und auch meine brasilianische Klasse werde ich mit Sicherheit sehr vermissen. Portugiesisch spreche ich mittlerweile fließend, mein iPod ist voller brasilianischer Musik und mein Herz ist gelb, grün, blau und weiß geworden.

Nina mit ihren mit Gastschwestern

Nina in Foz de Iguacu

Nina und ein Mini-Krokodil

Fußballspielen im Amazonas