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Austauschschülerin Henrika mit ihrer türkischen Gastfamilie

Mein zweites Zuhause

Erfahrungsbericht von Henrika, Austauschjahr in der Türkei

Viele aus meinem Freundeskreis und auch meine Familie konnten sich anfangs gar nicht vorstellen, warum ich mein Austauschjahr gerne in der Türkei verbringen wollte. Da ich noch nie in der Türkei vorher war, konnte ich mir nichts unter diesem Land vorstellen und gerade deswegen habe ich mich für die Türkei entschieden.

 

Leben zwischen Tradition und Moderne

Mit meiner Gastfamilie habe ich in einer 3-Zimmer Wohnung in Ankara gelebt. Ankara ist nicht nur die Haupt- sondern auch die zweitgrößte Stadt in der Türkei. Ankara zeichnet besonders eine Sehenswürdigkeit aus – das Anitkabir. Es ist das Grab von Atatürk, dem sogenannten „Vater aller Türken“. An seinem Todestag ist es Tradition, dass man das Anitkabir besucht und rote Blumen mitbringt oder an einer Zeremonie auf der Arbeit oder in der Schule teilnimmt. Während meine Gastfamilie ein eher modernes Leben führt, WLAN besitzt und ihr Essen aus einem Supermarkt um die Ecke kauft, leben meine Gastgroßeltern in einem sehr kleinem Dorf mit unter 100 Einwohnern, wo sie auf einem kleinen Bauernhof Ziegen und Hühner halten. Dort ist keine Spur von dem Leben aus Ankara zu sehen. Die einzige Gemeinsamkeit die meine Gastfamilie mit ihnen teilt, ist Cay. Cay ist das Nationalgetränk und wird überall, zu jeder Tages- und Nachtzeit konsumiert – Cay verbindet! Egal wo man hingeht, in jeder Stadt, in jedem Dorf. Alle trinken sie Cay. Zum Frühstück, während der Arbeit, in den Pausen, abends vor dem Fernseher…Cay spielt im alltäglichen Leben eine sehr wichtige Rolle und gehört seit meinem ersten Tag auch zu meinem Leben dazu.

 

Die beste Küche der Welt

Türkisches Essen bedeutet nicht gleich nur Döner. Um genau zu sein, wird Döner hier nur selten gegessen und man isst ihn ohne Soße. Abends wird die größte Mahlzeit des Tages eingenommen, die meistens aus drei Gängen besteht. Zur Vorspeise gibt es immer Suppe, zur Hauptspeise ein warmes Gericht mit Salat und als Nachtisch hat meine Gastfamilie gerne Sauerkirschjoghurt gegessen. Für meine Gastfamilie war das gemeinsame Essen sehr wichtig und wenn jemand zum Beispiel erst um 22 Uhr nach Hause gekommen ist, wurde auch erst um 22 Uhr gegessen.

 

Anders als in Deutschland, wo wir unsere Lehrer mit Anrede und Nachnamen ansprechen, nennt man in der Türkei seinen Lehrer „Hocam“, was mein Lehrer bedeutet. Hier gilt noch Frontalunterricht, also der Lehrer erzählt etwas und alle schreiben mit. Während des Unterrichts habe ich meistens Türkisch gelernt, als ich noch nicht so viel verstanden habe. Schule geht an jeder Schule zu unterschiedlichen Zeiten los. An meiner Schule fing der Unterricht um 8.20 an und endete um 15.30. Jeden Montagmorgen und Freitagnachmittag wird die Nationalhymne gesungen. Danach bin ich manchmal noch mit Freunden picknicken gegangen oder wir sind ins Zentrum gefahren. Meine Freunde und ich durften uns allerdings nie zuhause besuchen, da unsere Familie sich nicht persönlich kannten.

 

Die Türkei ist mein zweites Zuhause

Jetzt kann ich sagen: Die Türkei – und insbesondere Ankara – ist mein zweites Zuhause geworden. Ich kenne den Weg von der Schule nach Hause, egal ob zu Fuß, mit Bus oder Dolmus. Ich habe Ankara erkundet und konnte mich immer besser auch ohne fremde Hilfe zurechtfinden. Ich kenne die Traditionen und Regeln im Alltag meiner Gastfamilie. Ich konnte am Unterricht teilnehmen und verstehen, worum es ging. Von allem sind für mich zwei Dinge am allerwichtigsten: Meine Gastfamilie ist zu meiner zweiten Familie geworden und ich habe neue Freunde gefunden. Mit meiner Gastschwester bin ich ins Kino gegangen, habe ihre Freunde kennen gelernt und wir haben uns jeden Abend über unseren Tag unterhalten. Meine Gastmutter ist gelernte Köchin und hat mir ihre Lieblingsrezepte beigebracht. Wir haben Cay getrunken, während sie mir ihre Religion erklärt hat. Ich habe so viele Dinge erlebt, die ich nie mehr vergessen werde. Meistens haben mich die kleinen Sachen am glücklichsten gemacht. Von Tag zu Tag habe ich mich mehr als Teil der Familie gefühlt, konnte am Tisch beim Essen mehr verstehen und habe mich an die Kultur angepasst. Damit ich mich immer an alles erinnern kann, habe ich jeden Abend in mein Reisetagebuch geschrieben. Ich bin schon etwas länger wieder in Deutschland, aber denke noch sehr oft an mein Leben in Ankara – gerade, wenn ich Cay oder türkischen Kaffee für meine Familie und mich koche. 

Henrika mit ihrer Gastfamilie

Henrika mit Freundinnen in der Schule

Henrika mit ihrer Schulklasse

Henrika und ihre Gastschwester

Henrika mit Freunden in der Türkei