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Austauschschüler mit seinen brasilianischen Freunden

Spätzle für die Gastfamilie

Erfahrungsbericht von Luis, Austauschjahr in Brasilien

Inzwischen liegen die ersten drei Monate meines Auslandsjahres in Brasilien hinter mir. Nach einer abenteuerlichen Anreise mit dem Flugzeug von Frankfurt nach Rio habe ich 3 Tage in einem Orientation-Camp in der Nähe von Rio de Janeiro verbracht. Dort habe ich Austauschschüler aus der ganzen Welt kennengelernt, die alle ein Jahr in Brasilien vor sich hatten. Der Großteil war allerdings aus Deutschland, so wie auch die beiden Mädchen Elisa und Doris, deren Gastfamilien ebenfalls in Seabra wohnen. Am 7.8 sind wir 3 zusammen weiter nach Salvador geflogen, wo Elisas und Doris' Gastfamilie am Flughafen gewartet haben. Da die Autofahrt nach Seabra 6 Stunden dauert, haben meine und Elisas Familie eine Fahrgemeinschaft gebildet und ich habe einen Tag lang zusammen mit ihrer sehr netten Familie Salvador besichtigt. Am nächsten Abend durfte ich dann endlich mein neues Zuhause kennenlernen; und ich wurde sofort mit einem wirklich leckeren Essen und offenen Armen empfangen.

 

In der Schule ist alles sehr freundschaftlich

Gleich am Montagmorgen bin ich zusammen mit meinem Gastbruder Thales zur Schule gegangen und habe festgestellt, dass ich eine sehr freundliche und aufgeschlossene Klasse erwischt hatte. Das Unterrichtsklima ist komplett anders als das in Deutschland und die Beziehung zu den Lehrern sehr freundschaftlich: es wird die ganze Zeit jeder umarmt und gekuschelt, egal welches Alter oder welche Position. Beispielsweise habe ich von meiner Direktorin erst mal eine überschwängliche Umarmung zur Begrüßung bekommen, und ein Lehrer hat mich zum "FIFA spielen" für nächste Woche eingeladen. Mein Gastbruder Thales und ich stehen jeden Morgen um 6.30 Uhr auf und gehen in die Schule, die um 7:15 Uhr beginnt. Die Schule ist eher klein und in meiner Klasse sind 21 Schüler. Ich komme mit allen gut zurecht und sowohl dort als auch außerhalb der Schule, habe ich schon viele neue Freunde gefunden. Jeden Dienstag schreiben wir einen Test, in dem zu jedem Schulfach eine Frage gestellt wird. Außerdem gibt es Proben, die wie Schulaufgaben aufgebaut sind. Ich war auch zweimal im Rahmen des Englisch-Unterrichts in niedrigeren Klassen und habe dort Fragen der Schüler über Deutschland und mein Auslandsjahr beantwortet. Die meisten haben versucht, ihre Fragen auf Englisch zu stellen, da in der Regel jeder in Brasilien in der Schule Englisch lernt. Ich gehe hier in Seabra auf eine private Schule, die sehr renommiert und die modernste Schule in meiner Region Chapada Diamantina ist. Das brasilianische Schulsystem unterscheidet sich grundlegend vom deutschen: Jeder Jugendliche besucht die Schule bis zur zwölften Klasse. Danach machen die meisten einen großen Test (ENEM) und wer gut abschneidet, darf eine Universität besuchen.

 

Über die letzten drei Monate habe ich zusammen mit einer Gruppe von Mitschülern an einem großen Schulprojekt gearbeitet. Wir haben ein recht berühmtes brasilianisches Buch verfilmt; der Name des Buches und der Hauptperson ist Quincas. Die Geschichte ist ziemlich absurd, denn Quincas ist tot und erlebt mit seinen betrunkenen Freunden einige lustige Dinge. Und weil Quincas eigentlich Europäer ist, durfte ich diese Rolle spielen. Wir und fünf andere Gruppen haben die fertigen Filme dann vor der ganzen Schule, Eltern und Freunden vorgeführt. Ein weiteres Schulprojekt ist es, eine Dokumentation über eine der traditionellen Gemeinden in der Umgebung im Rahmen des Geschichtsunterrichts zu drehen. Dafür haben wir an einem Sonntag einige Personen interviewt und zum Beispiel traditionelle Tänze gefilmt. Es war ein sehr lustiger Tag und es hat echt Spaß gemacht; besonders als ich versucht habe zu tanzen :)! 

 

Portugiesisch per WhatsApp

Da ich, als ich Anfang August hier in Brasilien ankam, überhaupt kein Portugiesisch sprechen konnte, war ich sehr froh, dass ich mit meinem Gastbruder Thales Englisch reden konnte. Zum Glück waren alle total aufgeschlossen und haben mir bei der Integration in meinen neuen Alltag geholfen. Es gab – und gibt – natürlich viele Missverständnisse, wenn ich zum Beispiel ein Wort falsch ausspreche oder verwende. Juhu, ich kann sprechen! So ähnlich fühlt sich das jetzt manchmal für mich an. Denn ich bin inzwischen schon auf einem recht hohen Level angekommen und wenn ich in dieser Stelle mal ganz ehrlich bin: ich habe nicht mit Vokabelheft oder einem Grammatikbuch gelernt. Deswegen beherrsche ich auch noch nicht alle Zeitformen 100-prozentig. Allerdings habe ich versucht mich in jeder Situation mit den Brasilianern zu unterhalten. Auch über WhatsApp habe ich viel gelernt, denn ich konnte die Chats schnell in den Google-Übersetzer kopieren, wenn ich etwas nicht verstanden habe und außerdem ist es meiner Meinung nach leichter geschriebenes als gesprochenes Portugiesisch zu verstehen. Inzwischen habe ich auch angefangen „Game of Thrones“ auf Portugiesisch zu lesen und mehr auf meine Grammatik zu achten, denn ich habe mir vorgenommen bis zu meinem Geburtstag im März fließend sprechen zu können.

 

Am Nachmittag gehe ich oft zu Freunden und ich habe ihnen zum Beispiel Tischtennis-Rundlauf beigebracht. Das hat keiner gekannt und alle fanden es superlustig. Wenn genug Leute Zeit haben, gehen wir Fußballspielen, entweder in der Halle oder auf einem typisch brasilianischen Betonplatz, denn hier in der Bahia wächst kaum Rasen. Dreimal in der Woche habe ich abends Capoeira Training; hier wird es zurzeit schon um 18:00 Uhr dunkel, d.h. wir laufen um 17:30 Uhr immer im Dunkeln zum Training. Es kommen aber auch um 23:00 Uhr oder später noch Freunde und Bekannte der Familie zu Besuch und meistens sind alle Aktivitäten sehr spontan.

 

Eine super coole Aktion war, als ich Ende Oktober mal für ein paar Tage Müllmann gespielt habe. Ich bin zusammen mit Freunden aus einer anderen Schule mit einem kleinen Lastwagen durch die Straßen gefahren und wir haben Kartons aufgesammelt. Diese haben wir auf eine Art Lagerplatz außerhalb der Stadt gebracht und von dort aus wird die Pappe weiterverkauft. Das Ganze ist ein Schulprojekt, mit dem diese Klasse eine Reise nach Salvador finanzieren will. Sie machen das Projekt auch schon fast drei Monate täglich 5 Stunden lang. Eine super lustige Idee mit dem positiven Effekt, dass die Straßen etwas sauberer sind.

 

Die brasilianische Küche: Jeden Tag etwas Neues

Mit dem brasilianischen Essen komme ich sehr gut zurecht. Fast jeden Tag kann ich Neues probieren: Süßspeisen (extrem süß!), Getränke, zum Beispiel „Agua de Coco“, oder auch das Nationalgericht „Feijoada“ (Reis mit Bohnen) in unzähligen Variationen. Was mir auch sehr gut schmeckt ist der Cuscus, den wir zum Frühstück essen. Das einzige Essen, das mir schon nach kurzer Zeit fehlte, ist ein deutsches Brot, denn das Weißbrot hier kann man nicht wirklich essen. Ein deutsches Essen habe ich inzwischen auch schon für meine Familie gekocht: und zwar habe ich mich für Käsespätzle entschieden. Das war ohne eine Spätzlereibe gar nicht so einfach, aber mit einem löchrigen Plastikteller hat es letztendlich doch gut geklappt. Zusammen mit Freunden habe ich auch noch einen Apfelstrudel gebacken; der wurde zwar etwas heller, kleiner und hat auch anders geschmeckt als der deutsche aber ich fand, auch dieser ist gelungen. Die Lebensmittel werden meist auf dem Wochenmarkt gekauft. Nur 200 Meter von meinem Haus entfernt ist der große Marktplatz von Seabra. Jeden Samstagmorgen kann man dort Gemüse, Früchte, Fleisch, Schuhe, Kleidung und vieles mehr kaufen. Auch meine Familie macht dort die Einkäufe für die kommende Woche. Mir gefällt das riesige Durcheinander gut und ich begleite meinen Gastvater gerne ab und zu – auch wenn das früher aufstehen bedeutet.

 

Tage auf der Farm

Meine Familie hat eine wunderschöne Farm in der Umgebung von Seabra. Sie ist nur 10 Minuten entfernt und es handelt sich um ein riesiges Grundstück mit Gemüse- und Obstanbauten und Hühnern. Es fließt ein Bach hindurch und hier gibt es sogar einen kleinen Rasenplatz zum Fußballspielen. Auf unserer Farm veranstaltet meine Familie einmal im Jahr im September eine Heilige Messe für die Leute, die dort in der Umgebung leben. Ich habe von der ganzen Aktion erst genau an diesem Tag erfahren, was aber auch eine typisch brasilianische Gewohnheit ist. Es war ein echt schöner Abend mit ungefähr 150 Gästen, die auch gar nicht alle in den Saal gepasst haben. Nach der Messe gab es noch einen kleinen Snack und man hat sich unterhalten. Die meisten Menschen hier sind katholisch oder evangelisch; also ähnlich wie in Deutschland. Eine Fahrradtour hier in Brasilien habe ich auch schon gemacht. Wieder ging es zu unserer Farm; Thales, ich und fast 20 Freunde. Dort haben wir dann alle zusammen gebruncht und Fußball gespielt.

 

10 Minuten Singen zum Geburtstag

In den ersten Monaten in Brasilien war ich schon auf mehreren Geburtstagsfeiern von Freunden. Eine der Feiern war eine Überraschungsparty, was natürlich sehr lustig war. Wir haben uns alle in der Küche versteckt und als das Geburtstagskind (ein Mädchen) zusammen mit ihrem Freund nach Hause kam, ging der Gesang los: Hier ist es nämlich nicht so wie in Deutschland das nach einem „zum Geburtstag viel Glück“ (dieses Lied gibt es übrigens auch auf Portugiesisch ) Schluss ist, sondern es wird ungefähr 10 Minuten lang durchgeklatscht und -gesungen. Danach wurden die Torte und unglaublich viele andere Süßspeisen gegessen. Denn die Brasilianer essen gerne und wie gesagt sehr süß!

 

Brasilien entdecken

Zusammen mit der achten Klasse und der neunten einer anderen Schule habe ich einen Ausflug zu einem Indianerdorf gemacht. Es war eine Busfahrt von über 2 Stunden, doch durch die wunderschöne Landschaft der Chapada Diamantina und der Tatsache, dass die Brasilianer einfach super drauf sind und die ganze Zeit singen und Späße machen, war von Langeweile keine Rede. Die Indios haben dort für uns einen Regentanz aufgeführt und mit den jüngeren Kindern haben wir – natürlich – Fußball gespielt. Später haben wir noch eine kurze Pause beim Rio San Francisco gemacht. Ein riesiger Fluss, in dem man aber, angeblich wegen Schlangen, nicht baden konnte. Schade, denn es war wie immer sehr, sehr heiß. Letztes Wochenende war ich auf einem Festival in einer anderen Stadt: Lençois – und es war unglaublich! Ich bin am Freitagnachmittag zusammen mit einem Freund aus meiner Klasse zu dessen Familie, die in Lençois wohnt, aufgebrochen. Und hier sieht man mal wieder die brasilianische Offenheit; denn diese Familie hat mich, ohne mich vorher einmal kennengelernt zu haben, für vier Tage bei sich aufgenommen! Und ja, allein für diese Autofahrt hat sich das ganze Wochenende gelohnt: Nachdem wir die eher Wüsten-ähnliche Umgebung von Seabra verlassen hatten, sind am Straßenrand immer mehr Bäume und Sträucher aufgetaucht. Und wenig später haben wir eine Bergkette überwunden und ich habe im ersten Moment meinen Augen nicht trauen können: ein riesiges Tal umgeben von Bergen mit steilen Felswänden, die in der Sonne glitzern. Und der Regenwald, der so weit das Auge reicht, die Landschaft prägt, ist einfach wunderschön! Der ganze Anblick erinnert an einen dieser Filme, in dem ein Forscherteam in einem Tal im Urwald die letzten Dinosaurier entdeckt. Ein Bild, das man kaum auf einem Foto festhalten kann! Lençois ist eine eher touristisch geprägte Stadt – das bedeutete für mich, ich wurde nicht wie in Seabra angestarrt sondern nur noch gemustert. Am Abend sind wir zum Festplatz aufgebrochen: Dort wurde dann getanzt, gesungen und gehüpft. Es war einfach eine riesen Gaudi! Am Nachmittag haben wir dann in den wunderschönen Flüssen und Wasserfällen in der Umgebung gebadet und „gechillt“. Ich hoffe sehr, dass ich in den nächsten Monaten noch mal Gelegenheit bekomme nach Lençois zurückzukehren! Ein anderer unglaublich schöner Ausflug, den ich bereits machen durfte, war der für mich schönste Natur-Aussichtspunkt, den ich je besucht habe: Morro do Pai Inacio. Dieser Berg ist nur circa 40 Minuten mit dem Auto von Seabra entfernt und für den Weg nach oben benötigt man circa 20 Minuten; also der perfekte Tagesausflug. Oben auf dem Plateau hat man auf der einen Seite an einer Klippe den Blick über ein wunderschönes Tal, auf der anderen über eine endlose Ebene. Wir haben den Ausflug so geplant, dass wir den Sonnenuntergang dort genießen konnten. Und das hat sich wirklich gelohnt!!!

 

Heiß und trocken

Hier noch ein kurzer Wetterbericht aus Seabra: „In der kommenden Woche liegen die Temperaturen bei blauem Himmel durchgehend bei ungefähr 33 Grad. In der Nacht kühlt es sich auf bis zu 18 Grad ab. Die Regenwahrscheinlichkeit liegt kontinuierlich bei 0%.“ Seit ich in Brasilien bin, hat es insgesamt viermal genieselt. Doch das ist für die Menschen hier recht normal, denn die Bahia hat kaum Regen und deswegen ein Wasser-Problem. Es gab im September auch einige Brände in meiner Region Chapada Diamantina. Die Regenzeit bricht, soweit ich weiß, erst nächstes Jahr an.

 

Nun geht es tatsächlich schon auf Weihnachten zu und ich bin schon sehr gespannt, wie ich das hier in Brasilien erleben werde. Weihnachtsschmuck war auch hier bereits Mitte November in einigen Läden ausgehängt, doch ich denke vor allem die Plätzchen in der Vor-Weihnachtszeit werde ich sehr vermissen.

 

Luis mit seinem Gastbruder und zwei Freunden

Am wunderschönen Aussichtspunkt Morro do Pai Inacio

Die Spätzle kamen bei Luis' Gastfamilie gut an