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Austauschschülerin in der Türkei

Warum denn nicht die Türkei?

Erfahrungsbericht von Ann-Selin, Austauschjahr in der Türkei

„Türkei?!? Was willst du denn in der Türkei?" Das war eine Frage, die mir und den anderen Austauschschülern leider oft gestellt wurde, wenn mein Auslandsjahr zur Sprache kam. „Warum denn nicht Amerika?" Ja, warum eigentlich nicht Amerika? Der Klassiker, das Land, mit dem Schüleraustausch überhaupt erst angefangen hat. Das riesige Land, von dem jeder träumt. American School Spirit, Cheerleading, American Lifestyle wie im Film. Amerika habe ich trotzdem nie in Betracht gezogen, also Gegenfrage: „Warum denn nicht die Türkei?" . Wir alle wollten Neues erleben, ein Land sehen, von dem die meisten nur eine vage Vorstellung haben, das die meisten mit Urlaub verbinden und in dem es doch noch mehr geben muss.

 

Mein Leben hier

Ich erzähle einfach einmal von meinem Leben hier: Ich wohne in Adana, der fünftgrößten Stadt der Türkei mit 2,1 Millionen Einwohnern. Da Adana den meisten nichts sagt: Adana liegt im Süden der Türkei in der Nähe der Mittelmeerküste, noch östlicher als Antalya (das den meisten etwas sagt), in der Nähe der syrischen Grenze. Ich wohne hier im Stadtzentrum mit meiner Gastfamilie, bestehend aus meiner Gastmutter, meinem Gastvater, meiner Gasttante, meinem Gastbruder und meiner Gastschwester. Da aber die Familie meiner Gastmutter im Dorf wohnt, habe ich das Glück, sowohl das Stadt- als auch das Dorfleben kennenzulernen. Ich habe Feigen und Brombeeren geerntet und Eier eingesammelt. Alles im Dorf ist natürlich und selbst hergestellt.  Außerdem hatte ich das Glück, Kurban Bayramı, das Opferfest, miterleben zu dürfen.

Die türkische Küche

Was bei all dem nicht fehlen darf: Çay, das türkische Nationalgetränk. Er wird zu jeder Gelegenheit getrunken. Am besten schmeckt er, wenn er nach Tradition in zwei Kannen zubereitet wird, eine Kanne mit dem gezogenen Teesud, die andere Kanne mit heißem Wasser. Je nachdem, wie stark man seinen çay dann haben will, wird gemischt. Allerdings gibt es mittlerweile auch çay im Beutel. Ansonsten darf natürlich auch Türk Kahvesi, der Türkische Mokka nicht fehlen. Und am besten lässt man sich nach dem Genuss des Kaffees den Kaffeesatz lesen. Es findet sich meistens recht schnell jemand, der meint, die Kunst des Kaffeesatzlesens zu beherrschen. Außerdem kann man sich mit Türken sehr gut über Essen unterhalten. Und türkisches Essen ist auch wirklich unglaublich lecker und ziemlich vielfältig. Nach der französischen und der chinesischen Küche soll die türkische Küche die vielfältigste der Welt sein.

 

„Hocam" = Mein Lehrer

Einen Teil des Auslandsjahres, einen großen Teil sogar, nimmt natürlich die Schule ein. Schule ist recht anders als in Deutschland. In Lieblingsklamotten in die Schule und die Müdigkeit einfach wegschminken? Ist nicht! Als Junge die Haare langwachsen lassen? Ich glaube, die wären recht schnell wieder kurz. Für alle heißt es, jeden Morgen die Schuluniform, in meinem Fall ein hellgraues T-Shirt und eine dunkelgraue Hose oder einen dunkelgrauen Rock, anzuziehen. Mädchen dürfen weder Schminke, noch Nagellack, noch Schmuck tragen. Für Jungen gibt es eine festgeschriebene Höchsthaarlänge und der Bart muss komplett ab. Jeden Morgen gibt es eine Versammlung auf dem Schulhof, es wird klassenweise in das Klassenzimmer gegangen und montags und freitags der „İstiklal Marşı", die türkische Nationalhymne gesungen. Wenn der Lehrer die Klasse betritt, wird aufgestanden und auch ansonsten sind Lehrer absolute Respektpersonen. Auf den ersten Blick wirkt also alles sehr streng, diszipliniert und autoritär. Wenn man dann einmal hinter die Fassade einen zweiten Blick wirft, ist es eher familiär. Die ganze Schule ist wie eine große Familie und Lehrer und Schüler sind Freunde. Die Schüler werden oft mit  „Freunde" angesprochen, die Lehrer werden mit dem Vornamen bzw. direkt einfach nur mit „Hocam" angesprochen, was so viel heißt wie „mein Lehrer". Das Verhältnis zwischen Lehrer und Schüler ist absolut super und eines der Dinge, die mir am meisten gefallen an der Schule. Auch das Verhältnis der Schüler untereinander  ist echt bemerkenswert. So etwas wie Außenseiter, Mobbing oder Begriffe wie „Streber" habe ich an meiner Schule nie gesehen oder gehört. Türkische Schüler sind echt richtig fleißig, arbeiten nach der Schule noch viel zuhause bzw. gehen in sogenannte „dershane", oder wie meine Gastschwester mir erklärt hat: „Schule ohne Regeln." Aber das türkische Schulsystem erwartet das von ihnen. Alle arbeiten für eine Universitätsprüfung nach der 12. Klasse, bei der man sehr gut sein muss, um bei einer Universität angenommen zu werden.

 

Die türkische Kultur

Was gibt es noch zu sagen? Der türkische Verkehr ist ein Kapitel für sich. Ich muss jeden Tag mit dem Bus zur Schule fahren. Bei normalem Verkehr dauert die Strecke ungefähr sieben Minuten, morgens mit den ganzen Schülern und Studenten dauert die Strecke mindestens doppelt so lange. Auf der Straße fahren die Autos Stoßstange an Stoßstange und im Bus sind die Leute gequetscht wie die Hühner auf der Stange. Nicht selten werden gefährliche Manöver gewagt, um ein bisschen schneller voranzukommen. Aber es funktioniert und die Türken gehen damit erstaunlich gelassen um. In der Türkei funktioniert vieles, was in Deutschland absolut unvorstellbar wäre.
Die Türken sind ein unglaublich gelassenes Volk. Über Dinge wie zum Beispiel Unpünktlichkeit kann ich mich in Deutschland sehr aufregen. Hier sehe ich es nicht mehr negativ, sondern positiv als türkische Gelassenheit. Außerdem sind alle unglaublich freundlich, besonders zu Gästen, alle sind immer um dich besorgt und wollen, dass es dir gut geht. Ausland verändert. Ich werde hier gelassener, sehe vieles nicht mehr mit den strengen deutschen Augen und jeden Tag, den ich länger hier verbringe, werde ich türkischer und türkischer.
Ich liebe die türkische Sprache. Man muss sich zwar erst einmal in die Sprache reindenken, aber wenn man sie einmal beherrscht, ist sie sehr schön und erstaunlich. Man kann so unglaublich viel in einem einzigen Wort ausdrücken.
Ich erlebe eine tolle Zeit in der Türkei und bin froh, diese Entscheidung getroffen zu haben.

 

Mit einer Freundin

Landleben

Vor einer Moschee

Mit der türkischen Flagge