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Austauschschülerin in der Schule in Japan

Zehn Monate Japan!

Erfahrungsbericht von Jule, Austauschjahr in Japan

Nach etwa zwölf Stunden Flug kamen wir deutschen Austauschschüler mittags am Tokyo-Narita-Flughafen an. Vom Bus aus sahen wir uns aufgeregt nach Tokyos riesigen Wolkenkratzern um und versuchten, so viele Straßenschilder und Werbeplakate vorzulesen und zu fotografieren, wie unsere Kameras und Köpfe es aufnahmen. Immerhin werden im japanischen Alltag außer der lateinischen Schrift und dem chinesischen Kanji noch zwei weitere Alphabete benutzt! Die erste Woche waren wir gemeinsam mit Austauschschülern aus der ganzen Welt im Olympic Memorial Center zur Vorbereitung.

 

Manga, Ocha und ein spezielles Bohnengericht

Es war fantastisch, mit den anderen Schülern über J-Pop und Manga-Comics zu philosophieren und zusammen das erste Mal Ocha (kalten, grünen Tee), Pfirsichmilch, süße Zitrone, Zuckerkaffee und die unzähligen Sportgetränke an den zahlreichen Automaten zu probieren. Am Anfang war das noch ein echtes Glücksspiel, bei unseren Japanischkenntnissen ...

 

In Tokyo haben wir das Sprachenlernen richtig angefangen oder es fortgesetzt, uns am Buffet ein echt japanisches Frühstück zusammengestellt, mit riesigen Reisportionen, immer brav vor dem Essen „itadakimaaasu" gesagt, und schließlich sogar Natto probiert - das sind schleimige, vergorene Bohnen, die sehr gesund sein sollen, nur leider für unsere ungebildeten Ausländernasen fürchterlich stinken.

 

Wir haben auch mit unseren Betreuern, ehemaligen YFU-Teilnehmern, abends nach dem Programm Origami gefaltet und UNO gespielt!

 

Einiges gibt es halt überall, auch McDonalds gehört dazu.

 

Endlich in die „neue" Familie!

Nach einer Woche voll von Entdeckungen haben uns dann unsere Gastfamilien abgeholt.

 

Jetzt wohne ich auf einer Art Hof in der Chiba-Präfektur, in einer eher ländlichen Gegend, die für den Gemüseanbau bekannt ist. Okaasan („Mutter"), Otousan („Vater") und die Großeltern arbeiten viel auf den Reis- und Gemüsefeldern, und oft sitzen wir draußen zusammen und essen zum Beispiel superleckere selbstgezogene Wassermelonen. Auch meine ältere Gastschwester arbeitet schon.

 

Japanische Häuser sind klasse – mit den Papierschiebetüren, der gemütlichen Wohnküche und einem japanischen Zimmer mit Altar. Es gibt hier auch eine dieser tollen fernbedienbaren Toiletten, und die Tatamimatten aus Reisstroh in meinem Zimmer duften herrlich. In Japan weiß man meiner Meinung nach viel besser, wie man Platz spart – so ein faltbarer Futon zum Schlafen wäre auch zu Hause sehr praktisch!

 

Schlafen im Schulunterricht?

Außerhalb der Ferien nimmt die Ganztagsschule natürlich einen großen Teil meiner Zeit ein. Zum ersten Mal trage ich eine Schuluniform – mit Faltenrock und im Winter Schleife und Blazer! Gerüchten zufolge bewerben sich einige Mädchen nur aufgrund der süßen Uniform an einer bestimmten Highschool! Unterrichtet wird meistens frontal an der Tafel, und die Lehrer sind recht streng. Dafür bekommen wir zumindest an meiner Schule kaum Hausaufgaben, und es ist inoffiziell erlaubt, im Unterricht zu schlafen – für seinen Schulabschluss ist man nämlich selbst verantwortlich, und die Schulklubs nehmen oft viel Zeit ein.

 

Kalligraphie mit Pinsel und Tusche mag ich sehr gerne, und es ist eine richtige Herausforderung, all die Schriftzeichen für die Elemente in Chemie zu lernen.

 

In der Mittagspause picknicken wir oft richtig in der Klasse, auch meine Okaasan macht mir jeden Tag eine „Bento-box": zwei Stockwerke, eine mit Reis und in der anderen all die leckeren Beilagen.

 

Rundreise mit besonderen Momenten

Eines meiner schönsten Erlebnisse hier war die Reise nach Osaka, Kyoto und Nara zu Beginn der Sommerferien.

 

In Osaka lebt nämlich die Familie von Utako-chan, des Mädchens, das gerade zu mir nach Hause, nach Deutschland, aufgebrochen ist. So hatte ich die Chance, sie vor meiner Rückkehr im Januar schon einmal kennen zu lernen. Das Gefühl war großartig – als würde man einen Teil der eigenen Familie wiedersehen!

 

Jedenfalls sind wir alle zusammen nach Kyoto gefahren in das traditionelle Viertel um den Kiyomizutempel. Es war wunderschön, die Tempelanlage, die Berge, der Wald im Hintergrund, und überall kleine Läden im japanischen Stil, die Fächer, Kimonos, Tee oder Nudeln anboten. Und dann durften wir in einem Laden für ein paar Stunden zu Maikos (Geisha-Schülerinnen) werden!! Es war genau wie Verkleiden.

 

Neue Freunde, neue Ziele

Jetzt bin ich gerade seit fünf Monaten in Japan – also ist Halbzeit.

 

Natürlich ist das Leben in Japan anders. Enryo – die Höflichkeit, um Konflikte zu vermeiden – ist ja beinahe sprichwörtlich. Auch die Kinderlieder, Geschichten, das Essen, die Mode und nicht zuletzt die Sprache sind völlig unterschiedlich. Aber Japan hat wohl ebenso viele kulturell unterschiedlich geprägte Regionen und Dialekte wie Deutschland auch, ist meiner Meinung nach ebenso ökologisch und pazifistisch geprägt, es gibt Schule, Familie, Essen, Freunde und Hausarbeit und Feiertage – da kann man sich doch ganz zu Hause fühlen?

 

Gerade habe ich mich auf dem Sommerseminar wieder mit den anderen Austauschschülern aus meiner Region getroffen, und wir haben tatsächlich allein auf Japanisch auf die letzten Monate zurückgeschaut und neue Ziele gesteckt.

 

Ich bin mir sicher, ich habe schon viel über Japan und Deutschland gelernt und ich kenne jetzt so viele Menschen – die internationale Familie wächst und wächst! Aber ich habe ja auch noch fünf Monate: genug Zeit, um allen zu sagen, wo Deutschland liegt, tausend Gerichte zu probieren, im Unterricht zu schla... ich meine, zu lernen... Auf geht's!! Oder: Ganbarimasu!!

Jule und ihre japanische Gastschwester beim Keksebacken

Weihnachten in Jules japanischer Gastfamilie

Jule mit Schulfreunden in der Schule

In Japan gibt es viele traditionelle Feste